Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil IV

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Ja, unsere Paradiese! Die zerbrechlichen, schnell vergänglichen.

Der Märchengarten meiner Kindheit. Ich hatte mich schließlich hineingewagt, es jedoch lange verschieben müssen, davon zu erzählen, weil es inzwischen sehr viel anderes zu tun und zu schreiben gab. Aber ich habe es nicht vergessen und will es nun nachholen.

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, am Eingang, um den ich herumgeschlichen war, wie die Katze um den heißen Brei. Heute begrüßt die kleinen und großen Besucherinnen und Besucher dort die einladende Figur eines stimmungsvollen Märchenerzählers, den es damals noch nicht gab, der mir aber sehr gut gefällt. Sofort möchte ich mich hinsetzen und lauschen.

P1040725 Gleich zu Beginn geht es zur Märchen-Bootsfahrt. Die Menschenschlange ist lang wie einst, aber führt mittlerweile durch ein kleines Heckenlabyrinth, wodurch das Warten kurzweiliger wird. Soll ich? Ich muss! Verschämt stelle ich mich an, lasse immer wieder Familien mit Kindern vor, muss aufpassen, dass ich nicht jedem, der nicht schnell genug weglaufen kann, erkläre, dass ich „nur“ aus nostalgischen Gründen hier bin.

Die Fahrt geht los. Zur „Klugen Else“ und zum „Tapferen Schneiderlein“ – „Sieben auf einen Streich!“ – Sie sind noch dieselben wie damals, wie schön!

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Wohlbehalten wieder an Land, suche ich das Hüttchen von Schneewittchen auf, stelle mich vor den guten alten Spiegel, sage mein Sprüchlein – und hole mir die Antwort. Ja, da ist nun nichts zu ändern: „Schneewittchen hinter den 7 Bergen bei den 7 Zwergen ist tausendmal schöner!“ Ich ziehe weiter meiner Wege.

P1040734Das Knusperhäuschen wurde im Laufe der Jahre erneuert. Es sieht einladend aus, die Hexe spricht weiterhin schwäbisch – „Knuschper, knuschper, Knäusele, wer knuschpert an mei’m Häusele?“ -, aber den Tonfall der früheren bekomme ich nicht aus dem Ohr, er hat sich wohl ins Langzeitgedächtnis eingegraben.

Und so ziehe ich denn auch an mancher, gewiss pfiffig gestalteten Neuheit – wie der Häusergruppe mit Max-und-Moritz-Episoden – schneller vorüber, lasse mich jedoch von der zauberhaft gestalteten Grotte mit Märchen aus 1001 Nacht dafür länger in den Bann ziehen, bis ich dann bei einem weiteren Lieblingsmärchen aus alten Tagen angelangt bin, das sich nur wenig verändert hat. Noch immer verstecken sich die Geißlein, sobald der Türklopfer betätigt wird – und das jüngste von ihnen verschwindet natürlich, wie es sich gehört, im Uhrkasten!

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P1010242Dem Weg weiter folgend gelange ich zum Märchentheater „Schneeweißchen und Rosenrot“, das ich aus der Zeit kenne, als ich mit meinem eigenen Kind hier war.

 

 

 

Ein Wegweiser lässt ahnen, welches folgende Märchen alsbald zu erwarten ist…

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Bronzefigur der „Bremer Stadtmusikanten“ in Bremen

„Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen; dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. ‚Nun, was jappst du so, Packan?‘ fragte der Esel. ‚Ach,‘ sagte der Hund, ‚weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?‘ – ‚Weißt du was?‘ sprach der Esel, ‚ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute und du schlägst die Pauken.‘ Der Hund war’s zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und macht ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. ‚Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?‘ sprach der Esel. ‚Wer kann da lustig sein, wenn’s einem an den Kragen geht,‘ antwortete die Katze, ‚weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden, und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herumjagen, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?‘ – ‚Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.‘ Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. ‚Du schreist einem durch Mark und Bein,‘ sprach der Esel, ‚was hast du vor?‘ – ‚Da hab‘ ich gut Wetter prophezeit,‘ sprach der Hahn, ‚weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich kann.‘ – ‚Ei was, du Rotkopf,‘ sagte der Esel, ‚zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muß es eine Art haben.‘ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle vier zusammen fort.

Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis an die Spitze, wo es am sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müßte nicht gar weit ein Haus sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: ‚So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.‘ Der Hund meinte: ‚Ein paar Knochen und etwas Fleisch dran täten ihm auch gut.‘ Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer größer, bis sie vor ein helles, erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als der größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. ‚Was siehst du, Grauschimmel?‘ fragte der Hahn. ‚Was ich sehe?‘ antwortete der Esel, ‚einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.‘ – ‚Das wäre was für uns,‘ sprach der Hahn. ‚Ja, ja, ach, wären wir da!‘ sagte der Esel. Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müßten, um die Räuber hinauszujagen und fanden endlich ein Mittel. Der Esel mußte sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, der Hund auf des Esels Rücken springen, die Katze auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf, und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen sie auf ein Zeichen insgesamt an, ihre Musik zu machen: der Esel schrie, der Hund bellte, die Katze miaute und der Hahn krähte. Dann stürzten sie durch das Fenster in die Stube hinein, daß die Scheiben klirrten. Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, meinten nicht anders, als ein Gespenst käme herein, und flohen in größter Furcht in den Wald hinaus. Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen nach Herzenslust.

Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstelle, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Der Esel legte sich auf den Mist, der Hund hinter die Tür, die Katze auf den Herd bei der warmen Asche, der Hahn setzte sich auf den Hahnenbalken, und weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein. Als Mitternacht vorbei war und die Räuber von weitem sahen, daß kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach der Hauptmann: ‚Wir hätten uns doch nicht sollen ins Bockshorn jagen lassen,‘ und hieß einen hingehen und das Haus untersuchen. Der Abgeschickte fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzünden, und weil er die glühenden, feurigen Augen der Katze für lebendige Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, daß es Feuer fangen sollte. Aber die Katze verstand keinen Spaß, sprang ihm ins Gesicht, spie und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber der Hund, der da lag, sprang auf und biß ihn ins Bein, und als er über den Hof an dem Miste vorbeikam, gab ihm der Esel noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuß; der Hahn aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Balken herab: ‚Kikeriki!‘ Da lief der Räuber, was er konnte, zu seinem Hauptmann zurück und sprach: ‚Ach, in dem Haus sitzt eine greuliche Hexe, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür steht ein Mann mit einem Messer, der hat mich ins Bein gestochen. Und auf dem Hof liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen. Und oben auf dem Dache, da sitzt der Richter, der rief: ‚Bringt mir den Schelm her!‘ Da machte ich, daß ich fortkam.‘ Von nun an getrauten sich die Räuber nicht weiter in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiel’s aber so wohl darin, daß sie nicht wieder heraus wollten.“

Die Bremer Stadtmusikanten aus Grimms Märchen

 

P1010246Glücklicherweise gibt es auch sie noch immer: Die singenden, klingenden Fliegenpilze am Weg, an die Kinder auch heute noch so gerne ihr Ohr anpressen!

Und auch den höflichen Papierschluckerdrachen – „Bitte Papier!“ -, der sich bei Einwurf stets zu bedanken pflegt.

 

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P1040752Unverändert treffe ich das „Tischlein-deck-dich“ an, es funktioniert mit dem feine alten Licht- und Spiegeltrick, der Goldesel spuckt weiterhin Dukaten – und der Knüppel erkennt die echten Strolche sowieso!

 

 

 

 

Nach Durchqueren eines hohen Heckenlabyrinths gelange ich zu den altvertrauten Wasserspielen des Froschkönigs. Dessen Teich lässt sich überqueren, wodurch sich bei den Fröschen so einiges tut. Wasserscheue sollten bei der letzten Platte etwas Vorsicht walten lassen…

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Schließlich erwartet mich eines meiner Lieblingsmärchenhäuschen aus alten Tagen. Es enthält die Küche mit dem legendären Zaubertöpfchen, welches auf den Zuruf „Töpfchen koche!“ den „Süßen Brei“ hervorbrachte. Ich traue mich – und das Töpfchen zischt und blubbert, dass es eine Freude ist.

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Und glücklicherweise muss hier niemand mehr Angst haben, das wichtige Wort zu vergessen, welches den Zauber beendet. Er hört nach kurzer Zeit von selbst auf – und wer möchte, kann einfach noch einmal rufen…

Alles in allem ist es schön, viele der alten Märchenstationen noch unversehrt wiederzufinden – und festzustellen, dass auch die meisten der neueren dem bewährten Stil nachempfunden sind und weiterhin durch mechanische, optische und akustische Tricks verblüffen, so dass auch noch die Großen aus dem Staunen kaum herauskommen.

P1040756Schließlich liegt in ihrer ganzen Pracht die Emichsburg vor mir, jenes romantische Kunstschlösschen, welches in den Märchengarten integriert ist und diesem keine bessere Kulisse bieten könnte. Vom Turm herunter grüßt Rapunzels Zopf, innen wartet das neue, sehr aufwändig gestaltete Dornröschen. Hier mochte ich jedoch das alte lieber; ich fand es irgendwie geheimnisvoller.

Der Treppe abwärts folgend gelange ich in die finstere Grotte des Berggeistes „Rübezahl“, der auf mutigen Zuruf hin seine Schätze herzeigt, aber sich beeilt, mir zu sagen, dass ich diese selbstverständlich NICHT bekommen werde, worauf er sich mit dem gewohnten hämischen Gelächter verabschiedet und mich – ohne Gold und Edelsteine! – im Dunkeln zurücklässt.

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Zeit, den zauberhaften Märchengarten zu verlassen, vorbei an den „Tauben vom Aschenputtel“. Der Ausflug in die Vergangenheit hat großen Spaß gemacht.

Vor mir liegt nun der Untere Rosengarten, wo sich nochmals Rosen in ihrer ganzen Pracht vor mir ausbreiten und zum Schwelgen in Düften einladen.

 

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Eine Treppe führt hinauf in den Nordgarten mit der Broderie und dem großen Springbrunnen. Noch einmal bietet sich hier ein großartiger Blick auf die Rückseite des Schlosses.

 

 

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Es fällt mir schwer, mich zu trennen, aber hier nun lasse ich meine Gartenreise ins wiedergefundene Paradies enden und danke allen, die mich begleitet haben.

Vielleicht haben manche LeserInnen Lust bekommen, sich ebenfalls auf den Weg zu machen. Es würde mich freuen!

Zu den früheren Folgen dieser Gartenreise geht es jeweils hier:

Zu Teil I

Zu Teil II

Zu Teil III
© 2016 Bettina Johl

 

Quellen:

Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“
Aus: Haus- und Kindermärchen der Gebrüder Grimm –
auch nachzulesen unter www.grimmstories.com

 

Für weitere Informationen:

Blühendes Barock Gartenschau Ludwigsburg

Schloss Ludwigsburg

Homepage der Stadt Ludwigsburg

 

 

 

 

Frohe Ostern!

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Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da musst du wissen, dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts verrät,
dann schafft er drin.

Rainer Maria Rilke

 

Allen LiteraturfreundInnen des Büchergartens wünschen wir:

Frohe Fest- und Frühlingstage!

Betty und Dieter

 

Frohe Festtage!

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Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht.
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl’s, ein Wunder ist gescheh’n.

Theodor Storm (Weihnachtslied)

Allen FreundInnen des Büchergartens wünschen wir frohe Festtage und ein glückliches Neues Jahr!

Betty und Dieter

Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil III

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Schon immer hatte der hintere Winkel des Unteren Ostgartens für mich etwas Verwunschenes mit seinen hohen Bäumen und Rhododendronbüschen, die sich im Mai zur vollen Farbenpracht entfalten und sonst für dunkles, schattiges Grün sorgen. Zwischen denselben fand ich bereits in Kindertagen mein Traumhaus, ganz aus Natursteinen mit Walmdach und Blumenkästen unter den unterteilten Fenstern. Lediglich Fensterläden fehlten noch, um das Bild perfekt zu machen. An einem der größeren Fenster im Parterre sind noch solche vorhanden. Hatte es früher womöglich rundherum welche gegeben? Ich weiß es nicht mehr. Früher soll das auch als „Gärtnerhaus“ bezeichnete Gebäude zu einer Geflügelmenagerie König Friedrichs gehört haben. Nun, ich hätte mir durchaus auch in jedem Alter vorstellen können, in Gesellschaft von Hühnern, Enten und Gänsen dort zu wohnen, nur dass diese dann wohl frühestens an Altersschwäche gestorben wären. Und einige Katzen wären wohl auch mit eingezogen. Möglicherweise war es aber auch die Nähe zum Märchengarten, die den Reiz des Hauses mit ausmachte. Wenn ich dort wohnte, so stellte das Kind es sich – ganz pragmatischen Sinnes – vor, so hätte ich es nie weit dort hin.

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Heute hat es mit dem Märchengarten keine besondere Eile mehr, wobei es die auch früher nicht hatte, denn das Kind wollte sich das Beste einer Sache stets bis zum Schluss aufheben und zögerte deshalb auch den Besuch des Märchengartens gern lange hinaus, sah sich zuerst ausgiebig die anderen Teile des Gartens an, um die Vorfreude noch ein wenig auszukosten.

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Es zieht mich zunächst nach rechts in den Astilbengarten, wo jene Steinbrechgewächse in verschiedenen Farben inmitten nahezu natürlicher Waldvegetation unterhalb des Steinbruchs blühen und wo es ruhige Plätze zum Verweilen gibt. Ich befinde mich im innersten, stillsten Winkel des Gartens und halte Mittagsrast auf einer hölzerenen Bank. Die meisten Besucher ziehen weit entfernt auf den Hauptwegen vorüber, zuweilen lässt sich neben dem Gesang zahlreicher Vögel nur das Summen von Bienen und anderen Insekten vernehmen. In der Nähe führen Treppen zum über mir gelegenen David-Friedrich-Strauß-Denkmal hinauf. Mir gegenüber liegt „mein“ Haus, umgeben von üppigem Grün. Noch Wünsche?

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Als verwildert und verwunschen findet sich der Park auch immer wieder in niedergeschriebenen Erinnerungen der vier Großen des neunzehnten Jahrhunderts dieser Stadt – Kerner, Mörike, Vischer und Strauß – beschrieben. Das Schloss diente während dieser Zeit lediglich noch als Sommerresidenz, zu anderen Jahreszeiten muss die Stadt geradezu menschenleer gewirkt haben, was dazu beigetragen haben mag, die dichterische Phantasie bereits in jungen Jahren zu beflügeln. Nach dem Tod Friedrichs endete das Ludwigsburger Hofleben ganz und gar. Die Anlage fiel in einen Dornröschenschlaf.

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Wer dem weiteren Verlauf des Pfades folgt, fühlt sich alsbald an Dornröschen erinnert: Auf einem Vorsprung der Steinbruchkante erhebt sich über einem kleinen See die Emichsburg. So mittelalterlich sie mit ihrem runden Turm – aus sehr viel mehr besteht sie nicht – anmutet: Auch sie wurde von Friedrich errichtet, nach den Plänen von Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret, und – entsprechend dem damaligen Zeitgeschmack – dem Stil des Mittelalters nachempfunden. Die Epoche der Romantik hatte ihren Einzug gehalten, und in der Tat fügt sich das Bauwerk sehr harmonisch in das Bild des Landschaftsgartens. Von seiner Terrasse bietet sich ein weiter Ausblick über den unteren Garten. Einst war auf dem Turm eine Äolsharfe installiert, deren gespenstisch anmutende Klänge der Wind erzeugte, was die mystische Stimmung unterstrichen haben mag. Mörike verewigte Burg und Harfe in einem anrührenden Gedicht, in dem er seinen früh verstorbenen Lieblingsbruder August, der nicht weit vom Garten begraben lag, betrauert.

An eine Äolsharfe

[…]

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frisch grünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterwegs streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!
Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,
Meiner Seele plötzliche Regung;
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt,
All ihre Blätter vor meine Füße!

Eduard Mörike (1837)

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Heute ist die Burg in den Märchengarten integriert, sie beherbergt Rapunzel, deren Zopf auf Zuruf vom Turm herabgelassen wird, außerdem – wie könnte es anders sein? – Dornröschen und schließlich – im tiefsten, dunkelsten Winkel – Rübezahl, den besonderen Liebling meiner Kindertage. Der Märchengarten wurde in den 1950er-Jahren durch Albert Schöchle, den Wegbereiter des heutigen Blühenden Barocks, der wohl wusste, dass zur Deckung der Kosten ein Publikumsmagnet gebraucht würde, ins Leben gerufen. Hierzu hatte sich Schöchle während eines Besuchs eines niederländischen Märchengartens inspirieren lassen. So entstanden mit viel Liebe zum Detail gestaltete interaktive Märchenszenen, in denen durch akustische und optische Signale bestimmte Funktionen ausgelöst werden konnten, die mittels technischer Mittel, wie Spiegel- und Beleuchtungstricks, Diaprojektion oder kunstvollen Wasserspielen die Illusion perfekt machten. So hob sich dieser Märchengarten von Anfang an wohltuend von manchen anderen ab, in denen auf Knopfdruck lediglich Figuren dümmlich hin und her zu wackeln pflegen, während von einem Sprecher auf teilweise ausgeleierten Tonträgern eine Kurzform des Märchens erzählt wird, was spätestens ab der dritten Szene Langeweile aufkommen lässt.

So sehe ich mich als Kind mit wohligem Schauder die schummrig beleuchtete Turmtreppe hinabsteigen, mich an der Wand entlang vortasten bis zur aufleuchtenden Schrift „Rufe: Rübezahl“, den Namen ins Dunkle rufend, zunächst viel zu schüchtern und leise, dann, nachdem die Reaktion auszubleiben scheint, doch forscher und lauter, um mit einem erschrockenen Satz zurückzuspringen, wenn plötzlich der Schattenumriss des Berggeistes mit Hut und finsterem Blick erschien und eine tiefe Stimme ertönte: „Du rufst mich! Hier bin ich!“ Weiter, während das vollständige Bild des rauen Gesellen erschien: „Siehst Du Gold und Edelstein?“ – in diesem Augenblick verschwand das Bild Rübezahls und hinter der durchsichtigen Diaprojektionsleinwand setzte stattdessen Beleuchtung ein, die plötzlich dahinter gelagerte Schätze sichtbar machte und sekundenlang verführerisch funkeln ließ. Jedoch die Ernüchterung würde alsbald folgen: „Aber Du bekommst sie nicht! Hahahaha!“ Und mit schaurig verebbendem Lachen verschwanden Bilder und Goldschatz, und es setzte wieder völlige Dunkelheit ein.

Soll ich ihn aufsuchen, den Märchengarten? Diesmal – nach Jahren – ohne Alibi-Kind? Ich bin unentschlossen, überquere zunächst barfuß mit den Schuhen in der Hand den weitläufigen Rasen und begebe mich nochmals zurück zu meinem Lieblingshaus. Es zieht mich zunächst noch in das „Tal der Vogelstimmen“, in das man über einen rechts vom Haus gelegenen Pfad gelangt, auch dies ein Relikt aus Kindertagen. In einer üppig bewachsenen Mini-Naturlandschaft werden auf einzelnen Tafeln Vögel des jeweiligen Landschaftstyps gezeigt und ihre Stimmen abgespielt. Es scheint sich hierbei noch um die alten Tonbänder zu handeln, die Wiedergabequalität entspricht damaligen Standards, sie werden teilweise von den real vorhandenen Stimmen der zahlreichen Singvögel in diesem üppig bewachsenen Gartenbereich übertönt. Ausgelöst werden sie jeweils durch eine Lichtschranke, und auch wenn manches nicht mehr einwandfrei funktioniert, möchte ich die nostalgische Anlage nicht missen, zumal der etwas abseits verlaufende Pfad durch eine üppige Pflanzenwelt einen geradezu meditativen Aufenthalt ermöglicht.

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Als der Pfad wieder auf den Hauptweg trifft, stehe ich erneut vor dem nachdrücklich einladenden Wegweiser „Zum Märchengarten“. Meint er mich? Ich wage es!

(Fortsetzung folgt)

 

Zu den vorhergehenden und weiteren Folgen:

Teil I

Teil II

Teil IV

 

© Bettina Johl

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Homepage der Stadt Ludwigsburg

Andrea Hahn: Ludwigsburg. Literarische Spuren,
Andreas Hackenberg Verlag, Ludwigsburg, 2004,
ISBN 3-937280-04-9

literarische spuren Ludwigsburg

Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil II

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Wie oft bin ich hier entlang gegangen? Die altehrwürdige Platanenallee, die vom östlichen Tor des Ludwigsburger Schlosses in den oberen Ostgarten führt, weckt Erinnerungen an Besuche im Frühjahr, die Farbenpracht der Tulpenrabatten zu beiden Seiten des Weges. Jetzt im Sommer zeigt sie sich in schattigem Grün. Im vergangenen Jahr setzte hier ein kreatives Projekt Kunst und Natur in harmonische Komposition.

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Oft tendiere ich jedoch dazu, sehr bald vom Wege abzukommen und mich vom großen Strom abzusetzen, suche mir rechter Hand einen stillen Pfad zwischen bunten Gräsern und Storchschnabelgewächsen durch den Romantischen Staudengarten, der zu einer kleinen Veranstaltungsbühne und weiter zu dem Barocken Bauerngarten bei der Remise führt, an den sich alsbald die Orangerie und die Gärtnerlaube mit einem farbenfrohen Schaugarten anschließen. Im beginnenden Sommer lässt es sich hier schwelgen zwischen Pfingstrosen, Mohn, Rittersporn und Fingerhut. Später werden Sonnenhut, Malven und Sonnenblumen folgen, um im Spätsommer von einer leuchtenden Dahlienpracht abgelöst zu werden, als letztes Farbenfeuer vor dem Einsetzen des Herbstes.

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Der Ostgarten wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durch Herzog Friedrich II. im Stile eines Englischen Landschaftsparks umgestaltet, nachdem die zu diesem Zeitpunkt fast hundert Jahre alte Gartenanlage lange vernachlässigt lag, denn der Vorgänger Carl Eugen, jener Herzog, der sich – wie Schillers Brief zu entnehmen – gut aufs „Ignoriren“ verstand, hatte das Interesse daran sehr schnell verloren.

Im oberen Teil des Gartens setzen Elemente aus der Antike einen Themenschwerpunkt. Den malerischen Mittelpunkt bildet der Schüsselesee, umgeben von einem historischen Spielplatz, auf dem die höfische Gesellschaft sich zu vergnügen pflegte.

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Ein weiteres Mal führt mich mein Weg auf einen Seitenpfad, diesmal links des Hauptweges. Er führt zwischen Waldvegetation und alten Baumriesen zum David-Friedrich-Strauß-Denkmal, einem runden, von sieben Säulen getragenen Aussichtspavillon. Von dort bieten sich schöne Ausblicke auf den unteren Ostgarten.

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David Friedrich Strauß, Philosoph, Literat und Theologe, war Zeitgenosse Mörikes und wie dieser ein Sohn der Stadt. Sein „Leben Jesu“, eine 1835 erschienene kritische Abhandlung über den historischen Jesus, machte ihn einst über Nacht berühmt – und trug ihm zugleich für den Rest seines Lebens kirchlich-staatliches Berufsverbot ein, Los eines weiteren Unbequemen. Das Denkmal errichtete man ihm 1910, sechsunddreißig Jahre nach seinem Tod.

Hätte es ihm an diesem Ort gefallen? In einem seiner Gedichte setzt er sein Leben und literarisches Schaffen anschaulich in Beziehung zu Gärten und Pflanzen:

Der Hausgarten

Dies Büchlein mit Gedichten ist mein Hausgarten,
Worin ich früh und abends gern herumwandle,
Das Aug‘ im Grünen bade, reine Luft trinke,
Und an den kleinen Beeten mir zu tun mache.
Bald Blumensetzling‘ in den lockern Grund senk‘ ich,
Bald lab‘ ich durst’ge Wurzeln aus der Gießkanne,
Bald mit dem Messer oder mit der Baumsäge,
Was krumm wächst oder allzu struppig, ausmerz‘ ich.
Ich liebe nicht die künstlich warmen Treibhäuser,
Nicht Azaleen oder andere Prachtblumen;
Mein Sinn ist, ich gesteh‘ es, etwas altmodisch;
Er geht auf Rosen, aber nur auf einfache,
Auf braune Nelken, deren Duft das Hirn stärket,
Auf Silberlilien, deren Hauch das Herz reinigt.
In meinem Gärtchen ragen keine Felsberge,
Noch rauschen alte, riesenstämmige Steineichen;
Nur Haselsträucher schatten niedern Ruhbänken,
Und dort die junge Linde meinem Schenktischchen.
Auch eine Gaisblattlaube ließ ich einrichten;
Doch meid‘ ich sie, die wohl ein Liebespaar bärge,
Und ich bin einsam und soll einsam auch bleiben,
Wen ich mir in die Laube wünschte, wohl weiß ich’s.
O Götter! habt ihr Ohren, Herzen? Wie könnt ihr,
Was ihr doch für einander schuft, getrennt halten?

David Friedrich Strauss

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„Es geht auf Rosen […]“ Immerhin, diese finden sich auch hier. Ein ruhiger, fast meditativer Ort. Ruhebänke laden zum Verweilen, die Aussicht auf den unteren Ostgarten ins Tal der Rhododendren wird zu deren Blütezeit zu einem Farbentraum. Für dieses Schauspiel komme ich allerdings zu spät. Man kann nun einmal nicht alles haben. Stattdessen überwiegt ruhiges, schattiges Grün um das steinerne Gärtnerhaus, von dem ich mir als Kind immer ausmalte, wie schön es wohl sein müsste, darin zu wohnen.

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Weiter geht es auf schattigen Pfaden durch den Hain.
Hier findet sich manch schlichte Blumenschönheit.

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Hinaustreten ans Sonnenlicht. Vor mir erstrecken sich die mediterranen Terrassen und Weinberge, die den Schüsselesee zur Hälfte umrahmen. Sie versetzen mich in südliche Gefilde. Die Seele baumeln lassen unter Rosenspalieren – Ferien!

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Das historische Karussell ist – wie auch alle anderen Spielgeräte und Schaukeln – nicht original erhalten, konnte aber aufgrund gut erhaltener, präziser Zeichnungen auf gelungene Weise rekonstruiert werden. Die alten Pferdekarussells wecken Kindheitserinnerungen, allerdings galten sie bereits zu meinen eigenen frühen Tagen als historisch und man bekam nur selten welche zu sehen; wir kannten sie mehr aus Erzählungen der Älteren. Hier können sich nun Große und Kleine daran freuen.
Die Faszination ist geblieben.

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Oberhalb der Terrassen führt ein Weg zum Weinberghaus und zum Japanischen Garten, der in den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts angelegt wurde, als man begann, neue Impulse aus anderen Kulturen aufzugreifen und sich weltoffen zu zeigen. Besonders gern habe ich diesen besonderen Ort der Ruhe und Besinnung zur Kirschblütezeit im Frühling aufgesucht.

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Über schmale Steinstufen geht es wieder hinunter und ich erlaube mir manchen Seitenabstecher auf die Terrassen, wo es eine reiche mediterrane Pflanzenpracht zu bewundern gibt.

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Im Außenbereich der unterhalb gelegenen Cafeteria ist gut Verweilen, aber meine Ungeduld zieht mich bald weiter, vorbei an den künstlichen Ruinen eines römischen Aquäduktes zur Alten Gärtnerei mit dem Kräutergarten. Sich auch hier plötzlich wiederfinden an einem stillen Ort, nur von würzigen Düften und Bienengesumm erfüllt. Im historischen Gewächshaus hängen die alten Gartengeräte, Strohhüte und Schürzen, als habe der Gärtner aus alter Zeit es vor Minuten verlassen, um alsbald zurückzukehren.

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Draußen im warmen Sonnenlicht umrunde ich jedes einzelne Kräuterbeet, um im Stell-Dich-ein der Küchen- und Heilpflanzen immer wieder Neues zu entdecken. Die Stimmung dieses magischen Winkels nimmt gefangen.

Ein Zitat einer großen Weisen aus einer anderen Gegend und viel früheren Zeiten, als es diesen Ort lange noch nicht gab, als niemand auch nur an ihn dachte, geht mir durch den Sinn:

“Die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten an, ein Stein strahlt seinen Glanz auf die anderen. Alles was lebt hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung. Auch steht die ganze Natur dem Menschen zu Diensten, und in diesem Liebesdienst legt sie ihm freudig ihre Güter ans Herz.”

Hildegard von Bingen (Aus: Liber Vitae meritorum)

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Es fällt schwer, mich zu lösen. Zeit, den oberen Teil des Gartens zu verlassen. Das andere Seeufer ist erreicht. Zur Linken führt nun ein Weg in den Sardischen Garten. In einer sonnigen Senke findet sich hier nochmals eine südliche Welt der Pflanzen und Gesteine ganz besonderer Art.

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Zugleich ist der überzäunte Garten Großvoliere für Vögel. Dieser Umstand jedoch macht mich traurig und lässt mich schnell weiterziehen. Sehr viele Lauf- und Wasservögel finden sich hier auf verhältnismäßig kleinem – zu engem – Raum. An und auf der einzigen winzigen Wasserfläche drängen sich Flamingos, Löffler, Sichler und Enten, die überall verteilt über den Hang, den sie im Weiteren mit Weißstörchen und Fasanen teilen, auf nicht weniger engem Raum unter stressigen Bedingungen brüten. Die Vogelhaltung ist ein überdenkenswertes Relikt aus alten Tagen. Tiere lassen sich nicht anordnen wie Pflanzen und Steine. Sie haben Bedürfnisse, denen Rechnung getragen werden muss. Ein Garten von solcher botanischer Vielfalt und Fülle sollte besser ohne Tiere in Gefangenschaft auskommen.

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Ich verlasse die Voliere durch den von Orchideen bewachsenen Posilippo-Tunnel, der um das Jahr 1800 zu Herzog Friedrichs Zeiten erbaut wurde, um den oberen mit dem unteren Ostgarten zu verbinden. An dessen Ende trete ich aus dem Halbdunkel in eine andere Welt.

(Fortsetzung folgt)

Zur den vorhergehenden und nächsten Folgen:

Teil I

Teil III

Teil IV

© Bettina Johl

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Homepage der Stadt Ludwigsburg

David Friedrich Strauß im Bibellexikon auf Bibelwissenschaft.de

Das Leben Jesu – Die ZEIT vom 15.07.1983 Archiv ZEIT Online Kultur

Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil I

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Zu Anbeginn seiner Tage lebte der Mensch – so wollen es die Mythen – in einem Garten. Alles darin wuchs und gedieh um seinetwillen; Blumen, Kräuter, Früchte standen ihm zur Verfügung, an nichts gab es Mangel zu beklagen. Nur eine Frucht war verboten: die vom Baum der Erkenntnis.

Wie die Geschichte weiterging, wissen wir. Dem Reiz des Verbotenen erlegen, wurden wir bald zu Ausgestoßenen auf dem verfluchten Acker. Vertriebene, die seither von der ewigen Sehnsucht erfüllt sind, das alte Paradies zurückzuerlangen. Ein Stück Natur, das uns gewogen ist, sich einfügt in bereits von uns Geschaffenes und Gestaltetes, das uns Schutz und Erholung gewährt. Zu allen Zeiten waren Menschen bemüht, sich nach Vermögen solche Orte zu schaffen, im Kleinen wie im Großen. Für manche Idee eines Paradieses reichte ein Menschenleben nicht aus. Andere, die nachfolgten, führten sie fort, veränderten sie, brachten neue Impulse ein. Und so entstanden Gärten, die wir heute, in rastlosen Zeiten von derselben Sehnsucht erfüllt, bewundernd aufsuchen.

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Eine Gartenreise, für die ich stets das Glück des kurzen Weges hatte, habe ich immer wieder gern angetreten. Erinnerungen an die Kindheit, als man die Eltern quälte und bestürmte, nach Ludwigsburg ins Blühende Barock zu fahren und manches Mal genervtes Augenrollen dafür erntete. Gewiss, in jenen Tagen mag es vor allem der Märchengarten gewesen sein, der uns Kinder magisch anzog, der nur einen kleinen Teil – wenn auch den für uns wichtigsten – jener ausgedehnten Gartenanlage einnahm, welche selbst mehr am Rande, sozusagen als schöner Rahmen des Ganzen wahrgenommen wurde. Mehrere Jahrzehnte später hat sich der Blick in mancher Hinsicht verändert. Es fällt nicht schwer, zu verstehen, dass die Großen einst der Rummel, der sich vor allem auf den Märchengarten konzentrierte, störte, während darüber kaum Zeit und Geduld blieb, stillere Winkel des Gartens zu erkunden. Ähnliches gab es später in der eigenen Familienphase zu erleben, was den Besuch nicht immer zu einem ausnahmslos schönen Erlebnis machte. Über all dem blieb der geheime Wunsch, eines Tages allein herzukommen, niemanden mehr „hindurchschleppen“ zu müssen, mit dem verrückten Ehrgeiz, alles zeigen zu wollen und darüber in Besichtigungsstress zu geraten, stattdessen verweilen zu können, wo immer Orte und Winkel dazu einladen, Tempo, Dauer und Ausdehnung des Rundgangs selbst zu bestimmen, Zeit zu haben, den Tag zu genießen, zu trödeln und zu träumen.

Und irgendwann ist es soweit. Nicht, dass zuvor irgend etwas Äußerliches daran gehindert hätte, – keineswegs! Vielmehr ist ein langer Lernprozess von Nöten, um sich dazu berechtigt zu sehen, sich selbst solch geklaute Tage zu gestatten. Aber sobald dieser abgeschlossen ist, geht es los. Die Reise kann beginnen.

Sich die Parkplatzsuche schenken, auch das ist Freiheit. Eine knappe Stunde Bahnfahrt. Für den ersten Zug ist es zu knapp, dann wird es eben der nächste. Es gibt keine Eile an diesem sonnigen Vormittag. Die Bahnhofsbuchhandlung durchstöbern. Ein Taschenbuch, dessen Titelseite ins Auge fällt: „Schön ist mein Garten – Ein literarischer Streifzug“. Die ideale Reiselektüre. Muss mit! Die Wartezeit auf den nächsten Zug wird so nicht lang, noch weniger die Fahrt selbst. Entlanggleiten an Neckar und Enz. Warum sind wir früher nie mit der Bahn gefahren? Der Weg vom Bahnhof zum Schloss ist zu Fuß ohne Probleme zu bewältigen und kann obendrein mit dem Besuch eines Cafés auf dem Marktplatz versüßt werden. Stattdessen Erinnerung an nervige Autotouren, Kampf um Parklücken, die so weit vom Ziel entfernt lagen, dass die ganze Familie bereits fix und fertig war, bevor sie den Eingang des Schlossparks erreichte.

Stattdessen sitze ich nun entspannt vor meinem Cappucchino auf dem Marktplatz und lasse die Stadt neu auf mich wirken, von der Schiller in einem Brief vom 15. September 1793 an seinen Freund Christian Gottfried Körner schrieb: “

„Ich habe Heilbronn verlassen, wo mir alle häusliche Bequemlichkeit fehlte, und für diese große Entbehrung keine Entschädigung war. Hier bin ich vortrefflich logirt und meiner Familie, meinen Freunden um ein gutes Theil näher. Ludwigsburg ist von Stuttgart und der Solitude nur 3 Stunden. Die Stadt ist überaus schön und lachend, und ob sie gleich eine Residenz ist, so lebt man darin auf dem Lande. Der Herzog, scheint es, will mich ignoriren, und das ist mir gerade recht.“

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Eine Reise zu den Dichtern und Philosophen, auch dies ist es mit Verlaub; hier treffen sie auf engstem Raum aufeinander. Auf  derselben Seite des Marktplatzes rechts der Stadtkirche finden sich in rechtwinkliger Nachbarschaft die Geburtshäuser Justinus Kerners und Friedrich Theodor Vischers, dasjenige Mörikes liegt gleich um die Ecke. Schubart war Organist und Musikdirektor des Hofes und saß zeitweise sozusagen nebenan in Festungshaft auf dem berüchtigten Hohenasperg, – wegen freiheitlicher Umtriebe. Der junge Schiller lebte hier etliche Jahre als Schüler und wurde in der Stadtkirche konfirmiert. Jener Herzog, einst absolutistischer Herrscher par excellence, der zum Zeitpunkt des Briefes nur noch wenige Wochen zu leben haben sollte, hatte ihm in jungen Erwachsenenjahren sehr viel mehr zugesetzt. Nach der Uraufführung der im Herzogtum Württemberg verbotenen „Räuber“ im kurfürstlichen Exil in Mannheim hatte er deren Verfasser nach dessen Rückkehr kurzerhand für vierzehn Tage ins Gefängnis befördert und ihm untersagt, fortan „Komödien und dergleichen Zeugs“ zu schreiben, was Schiller alsbald zur erneuten Flucht veranlasste und ihn dazu führte, sich neue Wirkungsorte zu suchen und sich letztlich in Jena und Weimar niederzulassen, – verloren für die schwäbische Heimat. Das „Ignoriren“ schien der Herzog, der sich so gern und gründlich die eigenen Dichter vergraulte, zu allen Zeiten bestens zu beherrschen, weigerte er sich doch bereits dreißig Jahre zuvor, die sich auf der Durchreise befindlichen musikalischen Wunderkinder Wolfgang Amadeus und Nannerl zu empfangen, die ihm auf Wunsch ihres Vaters Leopold Mozart vorspielen sollten. Nicht jeder hat es nun einmal mit der Kunst; unglücklich trifft es sich nur immer dann, wenn ihm zugleich Herrscherwürden verliehen sind, die ihn bemächtigen, ihr weitreichenden Schaden zuzufügen.

Leopold Mozart wiederum schrieb über den Ort an seinen Salzburger Freund Lorenz Jäger:

„Ludwigsburg, den 11. Juli 1763… Ludwigsburg ist ein ganz besonderer Ort… Wenn Sie ausspeien, so speien Sie einem Offizier in die Tasche oder einem Soldaten in die Patronentasche. Sie hören ohne Unterlass auf der Gasse nichts als Halt! Marsch! Schwenkt euch! … Vor dem Eingang des Schlosses stehen zwei Grenadiers und zwei Dragoner zu Pferd, die Grenadiers (haben) Mützen auf dem Kopf und einen Kürass auf der Brust, in der Hand aber den bloßen Säbel, über sich jeder ein schönes großes Dach von Blech statt eines Schilderhauses. Mit einem Worte, es ist unmöglich, dass man eine größere Accuratesse im Exercitio und eine schönere Mannschaft sehen kann… Wenn ich zum Fenster stand, so glaubte ich nichts als Soldaten zu sehen, die bereit wären, eine Person auf einer Comödie oder Opera vorzustellen. Denken Sie nur, alle Leute sind haargleich, und täglich, nicht in Wickeln frisiert, sondern wie der erste Petit-Maitre in viele Locken vom Kopf weg gekämmt und schneeweiß eingepudert, die Bärte aber kohlschwarz geschmiert… Doch kann ich nicht umhin, Ihnen zu sagen, dass Wirtemberg das schönste Land ist… Meine Frau hat an der Gegend … das größte Vergnügen…
Addio! Ich bin der alte Mozart.“

Über die Gärten des zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbauten Residenzschlosses hingegen ist alten Briefquellen wenig zu entnehmen. Zwar wurden bereits unter dem Begründer und Namensgeber Herzog Eberhard Ludwig nördlich und südlich des Schlosses Gärten angelegt, die unter den Nachfolgern je nach vorhandenem Interesse weiteren Ausbau oder Umgestaltungen erfuhren – oder auch wieder aufgegeben wurden. Der Garten, wie er sich nun vor mir ausbreitet, erstand jedoch in den 1950er Jahren neu aus den Verwüstungen der Kriegsjahre, denen ein langer Dornröschenschlaf von Schloss und Park vorausgegangen war. Zu verdanken war diese Wiederbelebung der Anlage Albert Schöchle, dem damaligen Direktor der staatlichen Gärten, der die Idee zu einer Gartenschau in Ludwigsburg hatte und sie mit Energie und Elan verwirklichte. Mit großem Erfolg, wovon reger Publikumszulauf seit sechzig Jahren eindrucksvoll Zeugnis gibt.

Nie habe ich es missen mögen, noch vor Passieren des Kassenhäuschens an der Balustrade zu stehen und das Gesamtbild der Anlage vor mir zu haben, zu wissen, dass noch alles zu Entdeckende vor mir liegt. Der Impuls, loszulaufen, die Kieswege hinunter, wie früher als Kind, halb verrückt vor Freude, die kleinen Brunnen zwischen den Blumenrabatten passieren, um schließlich atemlos vor dem großen Becken mit dem riesigen Springbrunnen zu stehen. Oder sich zuerst einen Schwenk zur Seite in die Rosengärten genehmigen, wo weißgestrichene Bänke zur Rast einladen? Die Entscheidung will schwer fallen.

Ich beschließe, mir die Strauchrosen für den späten Nachmittag aufzuheben, zumal es ein heißer Tag ist und der Südgarten, abgesehen von den Kastanienalleen, die ihn von drei Seiten einfassen, wenig Schatten bietet. Deshalb auch nur ein kurzes Verweilen am Wasser und der sich dahinter ausdehnenden Broderie, kleine, neugierige Abstecher in die seitlichen Hecken-Bosketten, um alsbald vor dem Parterre des Schlosses zu stehen.

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Mich zieht es zunächst zur linken Seite des Schlosses. Hinter einem hohen Zaun, abgeteilt vom großen Südgarten, findet sich hier in einem kleinen Geviert ein besonderes Kleinod, von den Besucherströmen meist buchstäblich links liegen gelassen: Der Friedrichsgarten, einst Privatgarten Herzogs Friedrich II., den dieser zu Beginn des 19. Jahrhunderts unmittelbar angrenzend an seine Gemächer im Südbau anlegen ließ, ebenso wie zur rechten Seite des Schlosses den „Mathildengarten“ genannten Gartenteil seiner Frau Charlotte Auguste Mathilde, einer englischen Prinzessin. In diesen Tagen allerdings war die Glanzzeit des Barock längst vorüber; in Frankreich hatte die Große Revolution stattgefunden, jedoch in ihrem Verlauf viele ihrer eigenen Leute verschlungen. Stattdessen machte Napoleon die Gegend unsicher, was Friedrich, der alsbald auf dessen Seite trat, immerhin eine Gebietsvergrößerung Württembergs und die Königswürde eintrug, die ihm auch erhalten blieb, als sich das Blatt gegen Napoleon zu wenden begann und Friedrich es wiederum dringend für angesagt hielt, die Seite zu wechslen. Als Schwiegersohn des englischen Königs hatte er mächtige Verbindungen, die dazu führten, dass er sein Königtum vom Wiener Kongress bestätigt bekam und weiterhin als nunmehr Friedrich I. von Württemberg – nicht einfach, in diesen Tagen die Numerierungen auseinanderzuhalten! – absolutistisch regieren konnte.

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Hinter dem schmiedeeisernen, halb offen stehenden Tor scheint man einen verwunschenen Ort zu betreten. In einem kleinen Teich spiegelt sich der Südwestflügel des Schlosses zwischen Lilien, Teichrosen und Seerosen, ringsherum Staudenbeete mit Mohn, Rittersporn und letzten Pfingstrosen; ein kleiner Pavillon lädt zum Verweilen ein.

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Am Aufgang zu den Terrassentüren Rosenspaliere; ein Umgang mit Wachhäuschen erlaubt einen Blick über die Mauer in den westlichen Vorhof des Schlosses und bietet zugleich Gelegenheit, den duftenden Rosentraum in Creme und Rot von oben zu genießen. Einfach hier bleiben, Königin für einen Tag!

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Meine Freude an Rosen hat mit den Jahren zugenommen. Eine Alterserscheinung? Ich erinnere mich nicht, dass sie in jungen Jahren ähnliche Begeisterung in mir auszulösen vermochten. Es mag jedoch daran liegen, dass die Augenblicke kostbarer geworden sind. Die Perspektive hat sich verändert.

In der Nähe des Ausgangs befindet sich ein steinernes Hündchen, Gedenkskulptur eines treuen, vierbeinigen Begleiters des Herzogs und späteren Königs. Eine Tafel erzählt, Tony Schumacher, in Ludwigsburg aufgewachsene Jugendbuchautorin der Kaiserzeit und Großnichte Justinus Kerners, habe als Kind dieses Steinhündchen sehr geliebt und gern mit ihren Puppen an diesem Ort gespielt. Zu dieser Zeit war der Garten öffentlich zugänglich, wurde jedoch wenig gepflegt, da die Residenz des württembergischen Königs längst wieder nach Stuttgart verlegt worden war. Der Südgarten diente zu dieser Zeit als Obstgarten. Bereits Friedrichs Sohn, König Wilhelm I., hatte diesen infolge einer Hungernot anlegen lassen. Ein wenig verwildert und verwachsen mag der Friedrichsgarten damals gewesen sein, ein verwunschener Ort im Dornröschenschlaf, wie geschaffen für ein Kind, um sich zum Spielen dorthin zurückzuziehen.

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Ich trenne mich schweren Herzens, um mich wiederum durch das Tor hinaus in den Vorgarten des Schlosses zu begeben. Hier setzt sich die Rosenpracht in vielfältigen Farben fort.

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Der  Zutritt zum Mathildengärtchen auf der rechten Seite des Schlosses bleibt mir verwehrt; es befindet sich im Umbau. Es liegt nach dem Ostgarten; ich erinnere mich aus früheren Besuchen an seine schlichte, stille Abgeschiedenheit, Refugium einer selbstbewussten und gebildeten Herzogin und späteren Königin.

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Die Eheleute, heißt es, hätten stets einen respektvollen Umgang gepflegt, was nicht unbedingt selbstverständlich war. Friedrich stand im Ruf eines eigensinnigen Despoten, dessen cholerische Launenhaftigkeit gefürchtet war. Seine erste Frau Auguste Karoline von Braunschweig-Wolfenbüttel hatte er schlecht behandelt, sie hatte im Zuge eines Aufenthaltes am russischen Zarenhof ein tragisches Ende gefunden. Charlotte, Tochter Königs Georgs III. von England und ebenso Tante und Patin der künftigen Königin Viktoria, zeigte sich davon nicht sonderlich beeindruckt. Sie galt als umsichtig und warmherzig, hielt sich aus dem politischen Geschehen heraus und pflegte eigene Interessen. So gründete sie das Ludwigsburger Mathildenstift für verwahrloste Kinder. Darüber hinaus kümmerte sie sich um die Erziehung der Kinder aus Friedrichs erster Ehe, zu denen sie als Kusine Augustes ohnehin in verwandtschaftlicher Verbindung stand. Insbesondere pflegte sie ein sehr herzliches Verhältnis zu ihrer Stieftochter Katharina, die als Ehefrau von Jérôme Bonaparte, des jüngsten Bruders Napoleons, spätere Königin von Westfalen werden sollte. Diese wiederum schien die Eigensinnigkeit ihres Vaters geerbt zu haben, denn als dieser nach dem Sturz Napoleons verlangte, sie solle die eheliche Verbindung wieder lösen, weigerte sie sich standhaft und blieb an der Seite Jérômes, was dazu führte, dass ihr Vater diesem fortan – möglicherweise zähneknirschend – den Titel „Prinz von Montfort“ verlieh, benannt nach einer Grafschaft im Bodenseeraum aus württembergischen Besitzungen.

Der weitere Weg führt mich aus dem Südgarten hinaus und am rechten Seitenflügels des Schlosses entlang. Vor mir liegt alsbald zur Rechten der Eingang zum inneren Schlosshof und zur Linken die weitläufige Parkanlage des Ostgartens.

(Fortsetzung folgt)

 

Zu den weiteren Folgen:

Teil II

Teil III

Teil IV

 

© Bettina Johl

Meine Reiselektüre:

Schön ist mein Garten

Christian Metz (Hrsg.): Schön ist mein Garten. Ein literarischer Streifzug.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2014
€ 11,-, ISBN: 978-3-596-51322-2

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Wissen im Netz – Brief Friedrich Schillers an Gottfried Körner 15.9.1793

Wikipedia

Plädoyer für eine neue Wertschätzung der Bäume von Haus und Hof

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Birnbaum in der Nähe eines Gehöfts bei Hesseneck-Hesselbach im Odenwald
Foto: Bettina Johl

Das Buch „Hofbäume“ von Rudolf Wittmann und Jacob Zwisseli

Manches, was früher für uns zum vertrauten Bild gehörte, ist unseren Blicken entschwunden, ohne dass wir es zunächst bemerkten. Im Laufe der Jahre, während derer wir keine Zeit hatten, etwas zu vermissen, weil wir mit anderen Dingen beschäftigt waren, stellte sich zwar zunehmend ein unbestimmtes Gefühl der Leere ein, eine Ahnung davon, dass unsere Welt ärmer an Schönheit geworden ist, steriler, funktioneller, worüber es ja auch an allgemeinen Klagen nie mangelt. Was jedoch im Einzelnen fehlt, tritt erst wieder in unser Bewusstsein, wenn es an einem besonderen Ort unvermittelt wieder in unser Auge fällt, wenn wir staunend davor stehen und uns fragen: Warum ist dies eigentlich so selten geworden?

So prägten einst Hofbäume entscheidend das Landschaftsbild im ländlichen Raum, verliehen Dörfern  und Siedlungen Gestalt und Charakter. Kindheitserinnerungen werden wach. Weniger an die Bauernhöfe der Kleinstadt, in der ich selbst aufgewachsen bin; diese waren meist sehr eng umbaut und boten einem Hofbaum selten Platz. Vielmehr an sommerliche Besuche bei einer Großtante in einem stillen Landstädtchen in der Oberlausitz. Kein großes Gehöft, gewiss, – für das Kind, das ich war, jedoch Inbegriff des ersehnten Landlebens mit Federvieh, Kaninchen und zahlreichen Katzen, zeitweise auch einer Ziege. Ein Wohnhaus mit Veranda, ein farbenprächtiger Selbstversorger-Garten mit zahllosen Blumen, vielerlei Arten Gemüse und Beerenobst, ein Hühnerhof mit Stall und Geräteschuppen und ein vorderer, teils kopfsteinbepflasterter, teils grasbewachsener Hofbereich, in dessen Mitte sich die damals für die Gegend typische Wasserpumpe befand, die auch zu Zeiten, als es im Haus längst fließendes Wasser gab, gern vielfältig genutzt wurde. Dieser kleine Hof wurde beschirmt von einem ausladenden Nussbaum, unter dessen Laub der ersehnte Schatten an heißen Tagen und ebenso Schutz vor nasser Witterung zu finden war. Ich erinnere mich, bei strömendem Regen unter diesem Baum gespielt zu haben, während kaum ein Tropfen durch die Blätter zu mir durchdrang. „Kind, komm rein, du wirst nass!“ rief die besorgte Oma aus dem Fenster der überdachten, verglasten Veranda, wo sie ihrer Schwägerin beim Vorbereiten des Obstes zum Einwecken half, während diese nur lachte und in schönstem Schlesisch sagte: „Lass ock man spillen, die wird schonn ni nass! Unter DEM Boome wird die ni nass!“

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Eine Walnuss als Hofbaum in Stetten am Heuchelberg/Baden-Württemberg
Foto: Bettina Johl

 

Diese inneren Bilder werden auch lebendig, wenn sie von großer Literatur vor uns hingestellt werden, wie im Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, in dem der Erzähler Serenus Zeitblom die Geschichte seines Freundes und Musikers Adrian Leverkühn vor dem Leser entwirft, die Kindheit Leverkühns auf dem elterlichen Bauernhof, wo die beiden Freunde unter einer Linde sitzend ihre frühesten musikalischen Erfahrungen bei der Stallmagd Hanne machen, die sie zum gemeinsamen Kanonsingen anleitet.

Innere Bilder, die sich erneut wecken lassen beim Betrachten des Bildbandes „Hofbäume“ von Rudolf Wittmann und Jacob Zwisseli. Anblicke, die selten geworden sind. Bäume mit Tradition und Familienanschluss, die oft zu besonderen Anlässen gepflanzt, über mehrere Generationen von Menschen gehegt und gepflegt wurden, die diesen im Gegenzug Schutz, Schatten und je nach Baumart ihren natürlichen Ertrag gewährten. Gerade die Walnuss, lese ich, galt als sehr beliebt, nicht nur wegen der ergiebigen Ernte, die sie im Herbst versprach, sondern auch wegen ihres späten Laubaustriebs: Im Frühjahr ließ sie viel Licht in den Hof, während ihr Laub im anschließenden Sommer dennoch tiefen Schatten spendete. Erinnerungen werden wach beim Blättern in heutigen und historischen Aufnahmen von Hofbäumen aus Gegenden, die ich von Reisen her kenne, vom Schwarzwald und Allgäu bis hin nach Mecklenburg, welches ich erst als Erwachsene kennenlernte und besonders wegen seiner noch erhaltenen Baumbestände liebe. Ich erfahre Vertrautes und Neues über Kastanie und Linde, Birke und Eiche, Ahorn und Buche, Holunder und Birne und werde neugierig auf Gegenden, die ich noch nicht kenne, wie das Alte Land bei Hamburg mit dem Charme seiner formschönen, norddeutschen Bauernhäuser, kunstvoll konstruiert aus Fachwerk und Backstein, umgeben von Obstbäumen, die im Frühling ein Blütenmeer versprechen.

Nach einem allgemeinen Teil, der sich Kulturgeschichte, Tradition und Rolle des Hofbaumes, aber auch der Problematik der zunehmenden Bebauung und Zersiedelung der Landschaft sowie der Zerstörung der Natur widmet, befassen sich eigene Kapitel mit den einzelnen Baumarten, geben Aufschluss über Bedeutung, Herkunft, Standorte, Eigenschaften und charakteristischen Besonderheiten des jeweiligen Baumes. Traditionell überlieferte Geheimrezepte zur Verwendung von Blüten und Früchten, die manche Bauernfamilie im Gespräch verriet, fehlen nicht; so finden sich Tipps zum Einlegen von Birnen, zur Herstellung und Zubereitung von Holunderblütentee oder eines Maronendesserts. Im anschließenden Kapitel finden sich fachlich fundierte Tipps zu Schnitt und Pflege. Das Buch schließt mit wichtigen Überlegungen zur Zukunft des Baumes, dessen Bedeutung als Ökosystem unbedingt wieder stärker ins Bewusstsein geholt werden muss.

Den Anlass zur Entstehung des Buches gaben Wettbewerbe unter dem Motto „Wer hat den schönsten Hofbaum?“, zu denen in vergangenen Jahren mehrere landwirtschaftliche Wochenblätter aufgerufen hatten. Durch die große Resonanz, die diese fanden, wurde es erst möglich, die Standorte vieler der beeindruckenden alten Bäume zu finden und aufzusuchen, welche im Buch in über hundert ansprechenden Farbfotografien festgehalten sind. Viele Familien boten die Wettbewerbe hingegen Anlass, sich mit ihren Bäumen neu zu beschäftigen und sich, indem sie ihnen Aufmerksamkeit widmeten, neu über deren Bedeutung bewusst zu werden und ihnen neue Wertschätzung entgegenzubringen.

Der Autor Jacob Zwisseli ist ein erfahrener Biologe, sein Kollege Rudolf Wittmann ist Fotojournalist, Gärtnermeister und Baumsachverständiger. In dieser Eigenschaft hält Wittmann Vorträge und Seminare über das Thema Bäume, die er zum Anlass nimmt, zum Umdenken einzuladen. So will auch dieses Buch dazu anregen, nicht nur bestehende Bäume zu erhalten und diese nicht zu entfernen, weil sie womöglich „stören und Dreck machen“, – ein besonders in Süddeutschland oft gehörter Satz, der leider zu oft das Schicksal eines Baumes besiegelt. Es will ferner einen Impuls geben, über Fehlendes und Verlorengegangenes nachzudenken und Neuanfänge zu wagen. Neue Bäume zu pflanzen – nicht nur auf Höfen, die bedingt durch den Rückgang der traditionellen Landwirtschaft immer seltener zu finden sind,  ebenso an Wohnhäusern und in Gärten. Denn ein Baum benötigt am Boden wenig Platz, kommt mit der Fläche zweier Parkplätze aus. Eine Gelegenheit, Kindern, die heute oft in der Sterilität von Neubausiedlungen mit kahlen Rasenflächen und exotischen Ziergewächsen aufwachsen, ihre Bäume zurückzugeben.

Einen Baum haben führt zu einer neuen Art der Wahrnehmung. Wer einen Baum hat, erlebt die Jahreszeiten intensiv, sieht mit neuen Augen Licht und Schatten, die Lichtreflexe in der Bewegung der Blätter, die Farben der Blüte und des Herbstlaubs, hört Wind und Regen, das Fallen der Blätter und Früchte, aber auch den Gesang der Vögel und das Summen der Insekten, welchen mit dem Baum ein neuer Lebensraum ermöglicht wird, fühlt Wärme und Kühle, die Beschaffenheit der Rinde, riecht die verschiedenen Düfte der Jahreszeiten und schmeckt je nach Art die Früchte des Baumes. Manche Bäume laden gar zum Klettern ein, verleihen so – im wörtlichen wie übertragenen Sinn – ein neues Gefühl für Gleichgewicht.

Wem die Möglichkeit zum Pflanzen eines eigenen Baumes nicht gegeben ist, dem bietet sich dennoch die Chance, sich beim Betrachten der schönen Farbfotos inspirieren zu lassen, den eigenen Blick neu zu auszurichten, sich für Gefährdetes zu sensibilisieren und sich für Erhalt und Neuanpflanzungen an öffentlichen Plätzen einzusetzen. So ist das Buch letztlich ein Plädoyer für das Recht aller Menschen auf Bäume – an allen Orten, seien es Wohnblocks, Arbeits- und Freizeitstätten, Schulen, Spielplätze. Denn wie arm – an Leben und Lebensqualität! – wäre eine künftige Welt ohne Bäume!

Bettina Johl

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Rudolf Wittmann und Jacob Zwisseli: Hofbäume. Tradition – Baumarten – Pflege. Ulmer Verlag, Stuttgart 2008. 141 S., 104 Farbabb, € 14,90. ISBN 978-3-8001-5438-8