„Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“

Karl Foerster - Seine Blumen, seine Gärten

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Phlox im Schlosspark Klein Kussewitz/Mecklenburg-Vorpommern
Foto: Bettina Johl

„Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten“ von Carsten Mehliß

Im Frühjahr 2009, ein Jahr vor ihrem Tode, lernte ich in Potsdam-Bornim Marianne Foerster kennen, die Tochter des berühmten Staudenzüchters und Gartengestalters Karl Foerster. In seinem legendären Senkgarten, direkt neben der von ihm erbauten Villa, wurden damals Dreharbeiten für eine Gartensendung durchgeführt, und ich unterhielt mich mit der Moderatorin der Sendung über Literatur rund um Natur und Garten. Unter anderem stellte ich zwei Bücher über Alexander von Humboldt vor: Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und „Alexander von Humboldt. Über einen Versuch den Gipfel des Chimborazzo zu ersteigen“ von Oliver Lubrich und Ottmar Ette. In beiden Büchern ist von der gescheiterten Gipfelbesteigung die Rede, Humboldt selber hingegen hat sie in seinen Veröffentlichungen verschwiegen. Marianne Foerster hörte meinen Ausführungen zu, kam nach der Aufzeichnung zu mir und sagte: „Sie haben von Humboldts Barometer gesprochen, das er damals zur Höhenmessung nutzte. Humboldt hat es meinem Großvater geschenkt. Den Roman von Kehlmann kenne ich nicht, möchte ihn aber gerne lesen.“ Ich überließ ihr mein Exemplar und schrieb auf ihren Wunsch noch ein paar Zeilen hinein. Später verabschiedete ich mich von ihr und sie dankte mir noch einmal für das Buch, der Beschenkte jedoch war ich selbst. Mir wurde deutlich, dass sich hier die Lebensspuren von Karl Foerster verwoben mit der Weltsicht des Pantheismus und des Humanismus; sowohl seine Eltern als auch seine Vorbilder Goethe und Humboldt teilten diese Weltanschauung.

Karl Foerster war einer der bedeutendsten Staudenzüchter und Gartenschriftsteller des letzten Jahrhunderts, und er wurde geprägt durch seinen Vater, den Astronomen Wilhelm Foerster, der mit Alexander von Humboldt befreundet und dessen Schüler war, und seiner Mutter Ina, einer Malerin. Der 1874 in Berlin geborene Karl besuchte das Gymnasium und absolvierte von 1889 bis 1891 eine Gärtnerlehre in der Schlossgärtnerei Schwerin. Nach einigen „Lehr- und Wanderjahren“ gründete er 1903 seine eigene Staudengärtnerei in Berlin-Westend. Nach dem Umzug der Gärtnerei nach Potsdam-Bornim im Jahre 1903 verwandelte Foerster dort ein über sechstausend Quadratmeter großes Ackergelände zu einem „Gartenreich“ mit dem heute berühmten Senkgarten, in dem die Blumen und Bäume, die Gräser, Farne und Sträucher wie in einem Amphitheater um einen Teich angeordnet sind, gleichsam Akteure und Zuschauer zugleich. Foerster wurde zu einem der wirkungsreichsten Gartengestalter des frühen 20. Jahrhunderts und zudem ein erfolgreicher Schriftsteller.

„Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten“ von Carsten Mehliß gibt dem Leser einen fundierten Einblick in das lange und reiche Leben des Gartenkünstlers und Philosophen, der seine Lebensaufgabe darin sah, einer neuen Kultur des Gartens den Weg zu bereiten. Foersters Prinzipien zur Gestaltung des Gartens werden ebenso detailliert beschrieben wie die von ihm angelegten Gärten und sein Schaffen als Züchter. 1911 veröffentlichte Foerster sein erstes Buch „Winterharte Blütenstauden und Sträucher der Neuzeit“, 1920 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Gartenschönheit“. 1926 heiratete er die Sopranistin Eva Hildebrandt, 1931 wurde Marianne Foerster geboren.

1932 kamen seine ersten Phlox-paniculata-Sorten in den Handel sowie neue Sorten von Rittersporn und Astern. Im Jahre 1934 entstand mit den Gartenarchitekten Herbert Mattern und Herta Hammerbacher die Arbeitsgemeinschaft „Gartengestaltung in Bornim“. 1941 wurde der auf seine Anregung hin eingerichtete öffentliche Schaugarten auf der Potsdamer Freundschaftsinsel eröffnet.

Mehliß thematisiert auch Karl Foersters Stellung zum Nationalsozialismus und merkt an. dass diese umstritten sei. Im Umfeld der Bundesgartenschau in Potsdam im Jahre 2001 erschienen zwei Artikel, in denen von nationalistischen und antisemtischen Äußerungen in den Schriften Foersters die Rede ist, ohne sie im Wortlaut und Zusammenhang mitzuteilen. Eine Beurteilung und Einordnung auf einer solchen Basis erscheint mehr als fragwürdig. Foerster war mit vielen Künstlern und Schriftstellern befreundet, darunter auch Emigranten. Sein Bruder Friedrich Wilhelm Foerster, ein Philosoph und Pazifist, der in die Schweiz emigrierte und dessen Schriften von den Nationalsozialisten verbrannt wurden, schrieb bis zu seinem Tode im Jahre 1966 Briefe an Karl Foerster und dessen Familie. Es deutet nichts darauf hin, dass Friedrich Wilhelm an der persönlichen Integrität und Weltsicht seines Bruders zweifelte. In der Nazi-Zeit beschäftigte Foerster in der Gärtnerei jüdische Freunde, die so überleben konnten. Der Gartenarchitekt Walter Funcke, damals Mitarbeiter Foersters, berichtete, daß er als Mitglied der KPD 1933 verhaftet, nach einem halben Jahr entlassen und von Foerster sofort wieder eingestellt worden sei, wozu zweifellos Mut gehörte. Als Pflanzenzüchter widersetzte er sich den Forderungen vieler Nationalsozialisten nach einer ausschließlichen Verwendung heimischer „bodenständiger“ Pflanzen: „In unseren nordischen Geistesadern kreist auch Blut südlicher Geisteswelten, auf unserem Mittagstisch stehen Gerichte aus fünf Erdteilen und in unseren Bauerngärten wachsen „althergebrachte“ Stauden aus chinesischen Alpenwiesen und amerikanischen Prärien, nämlich Tränendes Herz und Phlox, bodenständige Embleme unseres Heimatgefühls. Also für Heimatpuritaner und ihre Überfremdungsängste haben wir nur ein Lächeln und empfinden sie gewissermaßen als vom Sturm der Entwicklung entwurzelte Leute“.  Diese Grundhaltung hat Foerster stets beibehalten, sie ist sein philosophisches und weltanschauliches Erbteil.

Drei Jahre nach Kriegsende bekam Foerster den Auftrag, den Goethe-Garten in Weimar zu restaurieren. Seine Gärtnerei nahm die Züchtungsarbeit wieder auf, da Foerster einen Bestand von Mutterpflanzen rechtzeitig vor der Kriegszerstörung hatte schützen können. Foerster nahm in der DDR zweifellos eine Sonderstellung ein, es fanden auch Treffen westdeutscher Staudenfreunde in Bornim statt, obwohl keine Genehmigung durch den Staat vorlag. Foerster galt als Aushängeschild, und bei ihm wurden Ausnahmen geduldet. Zahlreiche neue Bücher erschienen in den letzten zwanzig Jahrens seines Lebens, er wurde mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft.

Am 27. Januar 1970 starb Karl Foerster im Alter von 96 Jahren. Er wurde auf dem alten Bornimer Friedhof beigesetzt, in der Familiengrabstätte, in der auch sein Vater ruht und seit 2010 seine Tochter Marianne. In „Der Garten meines Vaters“, das Buch, das sie vor wenigen Jahren veröffentlichte, beschrieb sie ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem Garten Karl Foersters, der schließlich der ihre wurde. Die schönsten Gartenwochen erlebte die weit gereiste Marianne Foerster dann, wenn der Phlox blühte, in seinen so verschiedenen Farben. „In welchem Land auch immer ich war – Phloxduft bedeutete Bornim-Heimatduft.“

Dieter Kaltwasser

Carsten Mehliß: Karl Foerster – Seine Blumen, seine Gärten, Ulmer 2012, 144 Seiten,  34,90 €

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Karl Foerster: Warnung und Ermutigung, Ulmer 2010, 112 Seiten, 12,90 €

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Marianne Foerster: Der Garten meines Vaters Karl Foerster, DVA 2007, 144 Seiten, 29,90 €

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Ein Garten der Erinnerung – Karl Foerster

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Image via Wikipedia

Leben und Wirken Karl Foersters

In sechster Auflage ist es 2009 erschienen, das Buch von und über Karl Foerster, des berühmten Potsdamer Staudenzüchters, das den Titel „Ein Garten der Erinnerung“ trägt und vor fast dreissig Jahren bereits einmal im Berliner Union Verlag erschienen ist. Es beinhaltet einzelne Kapitel aus Foersters zahlreichen Publikationen, Auszüge aus Briefen und privaten Aufzeichnungen, Erinnerungen vom Vater, Bruder und vieler Zeitgenossen des Philosophen unter den Staudenzüchtern und professionellen Gärtnern. Sein Satz „Das Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“ wurde zum geflügelten Wort unter Gartenliebhabern. Das Buch jedoch weiß noch um eine andere Bedeutung des Wortes: Es gibt eine Phloxsorte, bei der Foerster ein einziges Mal von seinem Grundsatz abwich, Neuzüchtungen nie den Namen bekannter oder nahe stehender Menschen zu geben. Sie wuchs in den Jahren um 1930 in seinem Bornimer Garten, und er gab dieser leuchtend lachsroten Flammenblume den Namen seiner Ehefrau „Eva Foerster“. Unter den vielen Künstlern und Schriftstellern, Theologen und Forschern, mit denen Foerster während seines langen Lebens (1874-1970) in engem Kontakt stand, finden wir auch den großen, solitären Rudolf Borchardt, dessen Blumenbuch Der leidenschaftliche Gärtner, ein letzter Ausdruck seiner Kulturvision, erst posthum erscheinen konnte. Im Sommer 1941 schrieb er an Karl Foerster aus völliger existenzieller Isolation: „Dass ich nach Ihnen verlange, liegt daran, dass ich den furchtbaren Weltmoment mir habe ins Herz treten fühlen wie eine Thrombose, und an ihm zu ersticken drohe, wenn nicht zu mir ein Bruder tritt.“ Karl Foerster war ihm ein solcher Bruder, ihm und vielen anderen. Davon zeugt dieses besondere Buch von und über eine ungewöhnliche Persönlichkeit, die man getrost eine der „bescheidenen Weltberühmtheiten“ nennen darf.

@ Dieter Kaltwasser

Ein Garten der Erinnerung – Leben und Wirken von Karl Foerster. Herausgegeben von Eva Foerster und Gerhard Rostin, Ulmer 2009, 478 Seiten