Bevor der Sommer geht… – Rilkes Hortensien

 

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Rosa Hortensie

Wer nahm das Rosa an?
Wer wusste auch, dass es sich sammelte in diesen Dolden?
Wie Dinge unter Gold, die sich entgolden,
entröten sie sich sanft, wie im Gebrauch.

Dass sie für solches Rosa nichts verlangen.
Bleibt es für sie und lächelt aus der Luft?
Sind Engel da, es zärtlich zu empfangen,
wenn es vergeht, großmütig wie ein Duft?

Oder vielleicht auch geben sie es preis,
damit es nie erführe vom Verblühn.
Doch unter diesem Rosa hat ein Grün
gehorcht, das jetzt verwelkt und alles weiß.

Rainer Maria Rilke

Foto: © Bettina Johl

 

*

 

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Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke

Foto: © Bettina Johl

 

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Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil III

Schon immer hatte der hintere Winkel des Unteren Ostgartens für mich etwas Verwunschenes mit seinen hohen Bäumen und Rhododendronbüschen, die sich im Mai zur vollen Farbenpracht entfalten und sonst für dunkles, schattiges Grün sorgen. Zwischen denselben fand ich bereits in Kindertagen mein Traumhaus, ganz aus Natursteinen mit Walmdach und Blumenkästen unter den unterteilten Fenstern. Lediglich Fensterläden fehlten noch, um das Bild perfekt zu machen. An einem der größeren Fenster im Parterre sind noch solche vorhanden. Hatte es früher womöglich rundherum welche gegeben? Ich weiß es nicht mehr. Früher soll das auch als „Gärtnerhaus“ bezeichnete Gebäude zu einer Geflügelmenagerie König Friedrichs gehört haben. Nun, ich hätte mir durchaus auch in jedem Alter vorstellen können, in Gesellschaft von Hühnern, Enten und Gänsen dort zu wohnen, nur dass diese dann wohl frühestens an Altersschwäche gestorben wären. Und einige Katzen wären wohl auch mit eingezogen. Möglicherweise war es aber auch die Nähe zum Märchengarten, die den Reiz des Hauses mit ausmachte. Wenn ich dort wohnte, so stellte das Kind es sich – ganz pragmatischen Sinnes – vor, so hätte ich es nie weit dort hin.

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Heute hat es mit dem Märchengarten keine besondere Eile mehr, wobei es die auch früher nicht hatte, denn das Kind wollte sich das Beste einer Sache stets bis zum Schluss aufheben und zögerte deshalb auch den Besuch des Märchengartens gern lange hinaus, sah sich zuerst ausgiebig die anderen Teile des Gartens an, um die Vorfreude noch ein wenig auszukosten.

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Es zieht mich zunächst nach rechts in den Astilbengarten, wo jene Steinbrechgewächse in verschiedenen Farben inmitten nahezu natürlicher Waldvegetation unterhalb des Steinbruchs blühen und wo es ruhige Plätze zum Verweilen gibt. Ich befinde mich im innersten, stillsten Winkel des Gartens und halte Mittagsrast auf einer hölzerenen Bank. Die meisten Besucher ziehen weit entfernt auf den Hauptwegen vorüber, zuweilen lässt sich neben dem Gesang zahlreicher Vögel nur das Summen von Bienen und anderen Insekten vernehmen. In der Nähe führen Treppen zum über mir gelegenen David-Friedrich-Strauß-Denkmal hinauf. Mir gegenüber liegt „mein“ Haus, umgeben von üppigem Grün. Noch Wünsche?

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Als verwildert und verwunschen findet sich der Park auch immer wieder in niedergeschriebenen Erinnerungen der vier Großen des neunzehnten Jahrhunderts dieser Stadt – Kerner, Mörike, Vischer und Strauß – beschrieben. Das Schloss diente während dieser Zeit lediglich noch als Sommerresidenz, zu anderen Jahreszeiten muss die Stadt geradezu menschenleer gewirkt haben, was dazu beigetragen haben mag, die dichterische Phantasie bereits in jungen Jahren zu beflügeln. Nach dem Tod Friedrichs endete das Ludwigsburger Hofleben ganz und gar. Die Anlage fiel in einen Dornröschenschlaf.

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Wer dem weiteren Verlauf des Pfades folgt, fühlt sich alsbald an Dornröschen erinnert: Auf einem Vorsprung der Steinbruchkante erhebt sich über einem kleinen See die Emichsburg. So mittelalterlich sie mit ihrem runden Turm – aus sehr viel mehr besteht sie nicht – anmutet: Auch sie wurde von Friedrich errichtet, nach den Plänen von Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret, und – entsprechend dem damaligen Zeitgeschmack – dem Stil des Mittelalters nachempfunden. Die Epoche der Romantik hatte ihren Einzug gehalten, und in der Tat fügt sich das Bauwerk sehr harmonisch in das Bild des Landschaftsgartens. Von seiner Terrasse bietet sich ein weiter Ausblick über den unteren Garten. Einst war auf dem Turm eine Äolsharfe installiert, deren gespenstisch anmutende Klänge der Wind erzeugte, was die mystische Stimmung unterstrichen haben mag. Mörike verewigte Burg und Harfe in einem anrührenden Gedicht, in dem er seinen früh verstorbenen Lieblingsbruder August, der nicht weit vom Garten begraben lag, betrauert.

An eine Äolsharfe

[…]

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frisch grünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterwegs streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!
Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,
Meiner Seele plötzliche Regung;
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt,
All ihre Blätter vor meine Füße!

Eduard Mörike (1837)

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Heute ist die Burg in den Märchengarten integriert, sie beherbergt Rapunzel, deren Zopf auf Zuruf vom Turm herabgelassen wird, außerdem – wie könnte es anders sein? – Dornröschen und schließlich – im tiefsten, dunkelsten Winkel – Rübezahl, den besonderen Liebling meiner Kindertage. Der Märchengarten wurde in den 1950er-Jahren durch Albert Schöchle, den Wegbereiter des heutigen Blühenden Barocks, der wohl wusste, dass zur Deckung der Kosten ein Publikumsmagnet gebraucht würde, ins Leben gerufen. Hierzu hatte sich Schöchle während eines Besuchs eines niederländischen Märchengartens inspirieren lassen. So entstanden mit viel Liebe zum Detail gestaltete interaktive Märchenszenen, in denen durch akustische und optische Signale bestimmte Funktionen ausgelöst werden konnten, die mittels technischer Mittel, wie Spiegel- und Beleuchtungstricks, Diaprojektion oder kunstvollen Wasserspielen die Illusion perfekt machten. So hob sich dieser Märchengarten von Anfang an wohltuend von manchen anderen ab, in denen auf Knopfdruck lediglich Figuren dümmlich hin und her zu wackeln pflegen, während von einem Sprecher auf teilweise ausgeleierten Tonträgern eine Kurzform des Märchens erzählt wird, was spätestens ab der dritten Szene Langeweile aufkommen lässt.

So sehe ich mich als Kind mit wohligem Schauder die schummrig beleuchtete Turmtreppe hinabsteigen, mich an der Wand entlang vortasten bis zur aufleuchtenden Schrift „Rufe: Rübezahl“, den Namen ins Dunkle rufend, zunächst viel zu schüchtern und leise, dann, nachdem die Reaktion auszubleiben scheint, doch forscher und lauter, um mit einem erschrockenen Satz zurückzuspringen, wenn plötzlich der Schattenumriss des Berggeistes mit Hut und finsterem Blick erschien und eine tiefe Stimme ertönte: „Du rufst mich! Hier bin ich!“ Weiter, während das vollständige Bild des rauen Gesellen erschien: „Siehst Du Gold und Edelstein?“ – in diesem Augenblick verschwand das Bild Rübezahls und hinter der durchsichtigen Diaprojektionsleinwand setzte stattdessen Beleuchtung ein, die plötzlich dahinter gelagerte Schätze sichtbar machte und sekundenlang verführerisch funkeln ließ. Jedoch die Ernüchterung würde alsbald folgen: „Aber Du bekommst sie nicht! Hahahaha!“ Und mit schaurig verebbendem Lachen verschwanden Bilder und Goldschatz, und es setzte wieder völlige Dunkelheit ein.

Soll ich ihn aufsuchen, den Märchengarten? Diesmal – nach Jahren – ohne Alibi-Kind? Ich bin unentschlossen, überquere zunächst barfuß mit den Schuhen in der Hand den weitläufigen Rasen und begebe mich nochmals zurück zu meinem Lieblingshaus. Es zieht mich zunächst noch in das „Tal der Vogelstimmen“, in das man über einen rechts vom Haus gelegenen Pfad gelangt, auch dies ein Relikt aus Kindertagen. In einer üppig bewachsenen Mini-Naturlandschaft werden auf einzelnen Tafeln Vögel des jeweiligen Landschaftstyps gezeigt und ihre Stimmen abgespielt. Es scheint sich hierbei noch um die alten Tonbänder zu handeln, die Wiedergabequalität entspricht damaligen Standards, sie werden teilweise von den real vorhandenen Stimmen der zahlreichen Singvögel in diesem üppig bewachsenen Gartenbereich übertönt. Ausgelöst werden sie jeweils durch eine Lichtschranke, und auch wenn manches nicht mehr einwandfrei funktioniert, möchte ich die nostalgische Anlage nicht missen, zumal der etwas abseits verlaufende Pfad durch eine üppige Pflanzenwelt einen geradezu meditativen Aufenthalt ermöglicht.

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Als der Pfad wieder auf den Hauptweg trifft, stehe ich erneut vor dem nachdrücklich einladenden Wegweiser „Zum Märchengarten“. Meint er mich? Ich wage es!

(Fortsetzung folgt)

 

Zu den vorhergehenden und weiteren Folgen:

Teil I

Teil II

Teil IV

 

© Bettina Johl

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Homepage der Stadt Ludwigsburg

Andrea Hahn: Ludwigsburg. Literarische Spuren,
Andreas Hackenberg Verlag, Ludwigsburg, 2004,
ISBN 3-937280-04-9

literarische spuren Ludwigsburg

Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil I

Zu Anbeginn seiner Tage lebte der Mensch – so wollen es die Mythen – in einem Garten. Alles darin wuchs und gedieh um seinetwillen; Blumen, Kräuter, Früchte standen ihm zur Verfügung, an nichts gab es Mangel zu beklagen. Nur eine Frucht war verboten: die vom Baum der Erkenntnis.

Wie die Geschichte weiterging, wissen wir. Dem Reiz des Verbotenen erlegen, wurden wir bald zu Ausgestoßenen auf dem verfluchten Acker. Vertriebene, die seither von der ewigen Sehnsucht erfüllt sind, das alte Paradies zurückzuerlangen. Ein Stück Natur, das uns gewogen ist, sich einfügt in bereits von uns Geschaffenes und Gestaltetes, das uns Schutz und Erholung gewährt. Zu allen Zeiten waren Menschen bemüht, sich nach Vermögen solche Orte zu schaffen, im Kleinen wie im Großen. Für manche Idee eines Paradieses reichte ein Menschenleben nicht aus. Andere, die nachfolgten, führten sie fort, veränderten sie, brachten neue Impulse ein. Und so entstanden Gärten, die wir heute, in rastlosen Zeiten von derselben Sehnsucht erfüllt, bewundernd aufsuchen.

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Eine Gartenreise, für die ich stets das Glück des kurzen Weges hatte, habe ich immer wieder gern angetreten. Erinnerungen an die Kindheit, als man die Eltern quälte und bestürmte, nach Ludwigsburg ins Blühende Barock zu fahren und manches Mal genervtes Augenrollen dafür erntete. Gewiss, in jenen Tagen mag es vor allem der Märchengarten gewesen sein, der uns Kinder magisch anzog, der nur einen kleinen Teil – wenn auch den für uns wichtigsten – jener ausgedehnten Gartenanlage einnahm, welche selbst mehr am Rande, sozusagen als schöner Rahmen des Ganzen wahrgenommen wurde. Mehrere Jahrzehnte später hat sich der Blick in mancher Hinsicht verändert. Es fällt nicht schwer, zu verstehen, dass die Großen einst der Rummel, der sich vor allem auf den Märchengarten konzentrierte, störte, während darüber kaum Zeit und Geduld blieb, stillere Winkel des Gartens zu erkunden. Ähnliches gab es später in der eigenen Familienphase zu erleben, was den Besuch nicht immer zu einem ausnahmslos schönen Erlebnis machte. Über all dem blieb der geheime Wunsch, eines Tages allein herzukommen, niemanden mehr „hindurchschleppen“ zu müssen, mit dem verrückten Ehrgeiz, alles zeigen zu wollen und darüber in Besichtigungsstress zu geraten, stattdessen verweilen zu können, wo immer Orte und Winkel dazu einladen, Tempo, Dauer und Ausdehnung des Rundgangs selbst zu bestimmen, Zeit zu haben, den Tag zu genießen, zu trödeln und zu träumen.

Und irgendwann ist es soweit. Nicht, dass zuvor irgend etwas Äußerliches daran gehindert hätte, – keineswegs! Vielmehr ist ein langer Lernprozess von Nöten, um sich dazu berechtigt zu sehen, sich selbst solch geklaute Tage zu gestatten. Aber sobald dieser abgeschlossen ist, geht es los. Die Reise kann beginnen.

Sich die Parkplatzsuche schenken, auch das ist Freiheit. Eine knappe Stunde Bahnfahrt. Für den ersten Zug ist es zu knapp, dann wird es eben der nächste. Es gibt keine Eile an diesem sonnigen Vormittag. Die Bahnhofsbuchhandlung durchstöbern. Ein Taschenbuch, dessen Titelseite ins Auge fällt: „Schön ist mein Garten – Ein literarischer Streifzug“. Die ideale Reiselektüre. Muss mit! Die Wartezeit auf den nächsten Zug wird so nicht lang, noch weniger die Fahrt selbst. Entlanggleiten an Neckar und Enz. Warum sind wir früher nie mit der Bahn gefahren? Der Weg vom Bahnhof zum Schloss ist zu Fuß ohne Probleme zu bewältigen und kann obendrein mit dem Besuch eines Cafés auf dem Marktplatz versüßt werden. Stattdessen Erinnerung an nervige Autotouren, Kampf um Parklücken, die so weit vom Ziel entfernt lagen, dass die ganze Familie bereits fix und fertig war, bevor sie den Eingang des Schlossparks erreichte.

Stattdessen sitze ich nun entspannt vor meinem Cappucchino auf dem Marktplatz und lasse die Stadt neu auf mich wirken, von der Schiller in einem Brief vom 15. September 1793 an seinen Freund Christian Gottfried Körner schrieb: “

„Ich habe Heilbronn verlassen, wo mir alle häusliche Bequemlichkeit fehlte, und für diese große Entbehrung keine Entschädigung war. Hier bin ich vortrefflich logirt und meiner Familie, meinen Freunden um ein gutes Theil näher. Ludwigsburg ist von Stuttgart und der Solitude nur 3 Stunden. Die Stadt ist überaus schön und lachend, und ob sie gleich eine Residenz ist, so lebt man darin auf dem Lande. Der Herzog, scheint es, will mich ignoriren, und das ist mir gerade recht.“

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Eine Reise zu den Dichtern und Philosophen, auch dies ist es mit Verlaub; hier treffen sie auf engstem Raum aufeinander. Auf  derselben Seite des Marktplatzes rechts der Stadtkirche finden sich in rechtwinkliger Nachbarschaft die Geburtshäuser Justinus Kerners und Friedrich Theodor Vischers, dasjenige Mörikes liegt gleich um die Ecke. Schubart war Organist und Musikdirektor des Hofes und saß zeitweise sozusagen nebenan in Festungshaft auf dem berüchtigten Hohenasperg, – wegen freiheitlicher Umtriebe. Der junge Schiller lebte hier etliche Jahre als Schüler und wurde in der Stadtkirche konfirmiert. Jener Herzog, einst absolutistischer Herrscher par excellence, der zum Zeitpunkt des Briefes nur noch wenige Wochen zu leben haben sollte, hatte ihm in jungen Erwachsenenjahren sehr viel mehr zugesetzt. Nach der Uraufführung der im Herzogtum Württemberg verbotenen „Räuber“ im kurfürstlichen Exil in Mannheim hatte er deren Verfasser nach dessen Rückkehr kurzerhand für vierzehn Tage ins Gefängnis befördert und ihm untersagt, fortan „Komödien und dergleichen Zeugs“ zu schreiben, was Schiller alsbald zur erneuten Flucht veranlasste und ihn dazu führte, sich neue Wirkungsorte zu suchen und sich letztlich in Jena und Weimar niederzulassen, – verloren für die schwäbische Heimat. Das „Ignoriren“ schien der Herzog, der sich so gern und gründlich die eigenen Dichter vergraulte, zu allen Zeiten bestens zu beherrschen, weigerte er sich doch bereits dreißig Jahre zuvor, die sich auf der Durchreise befindlichen musikalischen Wunderkinder Wolfgang Amadeus und Nannerl zu empfangen, die ihm auf Wunsch ihres Vaters Leopold Mozart vorspielen sollten. Nicht jeder hat es nun einmal mit der Kunst; unglücklich trifft es sich nur immer dann, wenn ihm zugleich Herrscherwürden verliehen sind, die ihn bemächtigen, ihr weitreichenden Schaden zuzufügen.

Leopold Mozart wiederum schrieb über den Ort an seinen Salzburger Freund Lorenz Jäger:

„Ludwigsburg, den 11. Juli 1763… Ludwigsburg ist ein ganz besonderer Ort… Wenn Sie ausspeien, so speien Sie einem Offizier in die Tasche oder einem Soldaten in die Patronentasche. Sie hören ohne Unterlass auf der Gasse nichts als Halt! Marsch! Schwenkt euch! … Vor dem Eingang des Schlosses stehen zwei Grenadiers und zwei Dragoner zu Pferd, die Grenadiers (haben) Mützen auf dem Kopf und einen Kürass auf der Brust, in der Hand aber den bloßen Säbel, über sich jeder ein schönes großes Dach von Blech statt eines Schilderhauses. Mit einem Worte, es ist unmöglich, dass man eine größere Accuratesse im Exercitio und eine schönere Mannschaft sehen kann… Wenn ich zum Fenster stand, so glaubte ich nichts als Soldaten zu sehen, die bereit wären, eine Person auf einer Comödie oder Opera vorzustellen. Denken Sie nur, alle Leute sind haargleich, und täglich, nicht in Wickeln frisiert, sondern wie der erste Petit-Maitre in viele Locken vom Kopf weg gekämmt und schneeweiß eingepudert, die Bärte aber kohlschwarz geschmiert… Doch kann ich nicht umhin, Ihnen zu sagen, dass Wirtemberg das schönste Land ist… Meine Frau hat an der Gegend … das größte Vergnügen…
Addio! Ich bin der alte Mozart.“

Über die Gärten des zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbauten Residenzschlosses hingegen ist alten Briefquellen wenig zu entnehmen. Zwar wurden bereits unter dem Begründer und Namensgeber Herzog Eberhard Ludwig nördlich und südlich des Schlosses Gärten angelegt, die unter den Nachfolgern je nach vorhandenem Interesse weiteren Ausbau oder Umgestaltungen erfuhren – oder auch wieder aufgegeben wurden. Der Garten, wie er sich nun vor mir ausbreitet, erstand jedoch in den 1950er Jahren neu aus den Verwüstungen der Kriegsjahre, denen ein langer Dornröschenschlaf von Schloss und Park vorausgegangen war. Zu verdanken war diese Wiederbelebung der Anlage Albert Schöchle, dem damaligen Direktor der staatlichen Gärten, der die Idee zu einer Gartenschau in Ludwigsburg hatte und sie mit Energie und Elan verwirklichte. Mit großem Erfolg, wovon reger Publikumszulauf seit sechzig Jahren eindrucksvoll Zeugnis gibt.

Nie habe ich es missen mögen, noch vor Passieren des Kassenhäuschens an der Balustrade zu stehen und das Gesamtbild der Anlage vor mir zu haben, zu wissen, dass noch alles zu Entdeckende vor mir liegt. Der Impuls, loszulaufen, die Kieswege hinunter, wie früher als Kind, halb verrückt vor Freude, die kleinen Brunnen zwischen den Blumenrabatten passieren, um schließlich atemlos vor dem großen Becken mit dem riesigen Springbrunnen zu stehen. Oder sich zuerst einen Schwenk zur Seite in die Rosengärten genehmigen, wo weißgestrichene Bänke zur Rast einladen? Die Entscheidung will schwer fallen.

Ich beschließe, mir die Strauchrosen für den späten Nachmittag aufzuheben, zumal es ein heißer Tag ist und der Südgarten, abgesehen von den Kastanienalleen, die ihn von drei Seiten einfassen, wenig Schatten bietet. Deshalb auch nur ein kurzes Verweilen am Wasser und der sich dahinter ausdehnenden Broderie, kleine, neugierige Abstecher in die seitlichen Hecken-Bosketten, um alsbald vor dem Parterre des Schlosses zu stehen.

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Mich zieht es zunächst zur linken Seite des Schlosses. Hinter einem hohen Zaun, abgeteilt vom großen Südgarten, findet sich hier in einem kleinen Geviert ein besonderes Kleinod, von den Besucherströmen meist buchstäblich links liegen gelassen: Der Friedrichsgarten, einst Privatgarten Herzogs Friedrich II., den dieser zu Beginn des 19. Jahrhunderts unmittelbar angrenzend an seine Gemächer im Südbau anlegen ließ, ebenso wie zur rechten Seite des Schlosses den „Mathildengarten“ genannten Gartenteil seiner Frau Charlotte Auguste Mathilde, einer englischen Prinzessin. In diesen Tagen allerdings war die Glanzzeit des Barock längst vorüber; in Frankreich hatte die Große Revolution stattgefunden, jedoch in ihrem Verlauf viele ihrer eigenen Leute verschlungen. Stattdessen machte Napoleon die Gegend unsicher, was Friedrich, der alsbald auf dessen Seite trat, immerhin eine Gebietsvergrößerung Württembergs und die Königswürde eintrug, die ihm auch erhalten blieb, als sich das Blatt gegen Napoleon zu wenden begann und Friedrich es wiederum dringend für angesagt hielt, die Seite zu wechslen. Als Schwiegersohn des englischen Königs hatte er mächtige Verbindungen, die dazu führten, dass er sein Königtum vom Wiener Kongress bestätigt bekam und weiterhin als nunmehr Friedrich I. von Württemberg – nicht einfach, in diesen Tagen die Numerierungen auseinanderzuhalten! – absolutistisch regieren konnte.

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Hinter dem schmiedeeisernen, halb offen stehenden Tor scheint man einen verwunschenen Ort zu betreten. In einem kleinen Teich spiegelt sich der Südwestflügel des Schlosses zwischen Lilien, Teichrosen und Seerosen, ringsherum Staudenbeete mit Mohn, Rittersporn und letzten Pfingstrosen; ein kleiner Pavillon lädt zum Verweilen ein.

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Am Aufgang zu den Terrassentüren Rosenspaliere; ein Umgang mit Wachhäuschen erlaubt einen Blick über die Mauer in den westlichen Vorhof des Schlosses und bietet zugleich Gelegenheit, den duftenden Rosentraum in Creme und Rot von oben zu genießen. Einfach hier bleiben, Königin für einen Tag!

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Meine Freude an Rosen hat mit den Jahren zugenommen. Eine Alterserscheinung? Ich erinnere mich nicht, dass sie in jungen Jahren ähnliche Begeisterung in mir auszulösen vermochten. Es mag jedoch daran liegen, dass die Augenblicke kostbarer geworden sind. Die Perspektive hat sich verändert.

In der Nähe des Ausgangs befindet sich ein steinernes Hündchen, Gedenkskulptur eines treuen, vierbeinigen Begleiters des Herzogs und späteren Königs. Eine Tafel erzählt, Tony Schumacher, in Ludwigsburg aufgewachsene Jugendbuchautorin der Kaiserzeit und Großnichte Justinus Kerners, habe als Kind dieses Steinhündchen sehr geliebt und gern mit ihren Puppen an diesem Ort gespielt. Zu dieser Zeit war der Garten öffentlich zugänglich, wurde jedoch wenig gepflegt, da die Residenz des württembergischen Königs längst wieder nach Stuttgart verlegt worden war. Der Südgarten diente zu dieser Zeit als Obstgarten. Bereits Friedrichs Sohn, König Wilhelm I., hatte diesen infolge einer Hungernot anlegen lassen. Ein wenig verwildert und verwachsen mag der Friedrichsgarten damals gewesen sein, ein verwunschener Ort im Dornröschenschlaf, wie geschaffen für ein Kind, um sich zum Spielen dorthin zurückzuziehen.

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Ich trenne mich schweren Herzens, um mich wiederum durch das Tor hinaus in den Vorgarten des Schlosses zu begeben. Hier setzt sich die Rosenpracht in vielfältigen Farben fort.

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Der  Zutritt zum Mathildengärtchen auf der rechten Seite des Schlosses bleibt mir verwehrt; es befindet sich im Umbau. Es liegt nach dem Ostgarten; ich erinnere mich aus früheren Besuchen an seine schlichte, stille Abgeschiedenheit, Refugium einer selbstbewussten und gebildeten Herzogin und späteren Königin.

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Die Eheleute, heißt es, hätten stets einen respektvollen Umgang gepflegt, was nicht unbedingt selbstverständlich war. Friedrich stand im Ruf eines eigensinnigen Despoten, dessen cholerische Launenhaftigkeit gefürchtet war. Seine erste Frau Auguste Karoline von Braunschweig-Wolfenbüttel hatte er schlecht behandelt, sie hatte im Zuge eines Aufenthaltes am russischen Zarenhof ein tragisches Ende gefunden. Charlotte, Tochter Königs Georgs III. von England und ebenso Tante und Patin der künftigen Königin Viktoria, zeigte sich davon nicht sonderlich beeindruckt. Sie galt als umsichtig und warmherzig, hielt sich aus dem politischen Geschehen heraus und pflegte eigene Interessen. So gründete sie das Ludwigsburger Mathildenstift für verwahrloste Kinder. Darüber hinaus kümmerte sie sich um die Erziehung der Kinder aus Friedrichs erster Ehe, zu denen sie als Kusine Augustes ohnehin in verwandtschaftlicher Verbindung stand. Insbesondere pflegte sie ein sehr herzliches Verhältnis zu ihrer Stieftochter Katharina, die als Ehefrau von Jérôme Bonaparte, des jüngsten Bruders Napoleons, spätere Königin von Westfalen werden sollte. Diese wiederum schien die Eigensinnigkeit ihres Vaters geerbt zu haben, denn als dieser nach dem Sturz Napoleons verlangte, sie solle die eheliche Verbindung wieder lösen, weigerte sie sich standhaft und blieb an der Seite Jérômes, was dazu führte, dass ihr Vater diesem fortan – möglicherweise zähneknirschend – den Titel „Prinz von Montfort“ verlieh, benannt nach einer Grafschaft im Bodenseeraum aus württembergischen Besitzungen.

Der weitere Weg führt mich aus dem Südgarten hinaus und am rechten Seitenflügels des Schlosses entlang. Vor mir liegt alsbald zur Rechten der Eingang zum inneren Schlosshof und zur Linken die weitläufige Parkanlage des Ostgartens.

(Fortsetzung folgt)

 

Zu den weiteren Folgen:

Teil II

Teil III

Teil IV

 

© Bettina Johl

Meine Reiselektüre:

Schön ist mein Garten

Christian Metz (Hrsg.): Schön ist mein Garten. Ein literarischer Streifzug.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2014
€ 11,-, ISBN: 978-3-596-51322-2

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Wissen im Netz – Brief Friedrich Schillers an Gottfried Körner 15.9.1793

Wikipedia