Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil III

Schon immer hatte der hintere Winkel des Unteren Ostgartens für mich etwas Verwunschenes mit seinen hohen Bäumen und Rhododendronbüschen, die sich im Mai zur vollen Farbenpracht entfalten und sonst für dunkles, schattiges Grün sorgen. Zwischen denselben fand ich bereits in Kindertagen mein Traumhaus, ganz aus Natursteinen mit Walmdach und Blumenkästen unter den unterteilten Fenstern. Lediglich Fensterläden fehlten noch, um das Bild perfekt zu machen. An einem der größeren Fenster im Parterre sind noch solche vorhanden. Hatte es früher womöglich rundherum welche gegeben? Ich weiß es nicht mehr. Früher soll das auch als „Gärtnerhaus“ bezeichnete Gebäude zu einer Geflügelmenagerie König Friedrichs gehört haben. Nun, ich hätte mir durchaus auch in jedem Alter vorstellen können, in Gesellschaft von Hühnern, Enten und Gänsen dort zu wohnen, nur dass diese dann wohl frühestens an Altersschwäche gestorben wären. Und einige Katzen wären wohl auch mit eingezogen. Möglicherweise war es aber auch die Nähe zum Märchengarten, die den Reiz des Hauses mit ausmachte. Wenn ich dort wohnte, so stellte das Kind es sich – ganz pragmatischen Sinnes – vor, so hätte ich es nie weit dort hin.

DSC08136

Heute hat es mit dem Märchengarten keine besondere Eile mehr, wobei es die auch früher nicht hatte, denn das Kind wollte sich das Beste einer Sache stets bis zum Schluss aufheben und zögerte deshalb auch den Besuch des Märchengartens gern lange hinaus, sah sich zuerst ausgiebig die anderen Teile des Gartens an, um die Vorfreude noch ein wenig auszukosten.

DSC_0186

Es zieht mich zunächst nach rechts in den Astilbengarten, wo jene Steinbrechgewächse in verschiedenen Farben inmitten nahezu natürlicher Waldvegetation unterhalb des Steinbruchs blühen und wo es ruhige Plätze zum Verweilen gibt. Ich befinde mich im innersten, stillsten Winkel des Gartens und halte Mittagsrast auf einer hölzerenen Bank. Die meisten Besucher ziehen weit entfernt auf den Hauptwegen vorüber, zuweilen lässt sich neben dem Gesang zahlreicher Vögel nur das Summen von Bienen und anderen Insekten vernehmen. In der Nähe führen Treppen zum über mir gelegenen David-Friedrich-Strauß-Denkmal hinauf. Mir gegenüber liegt „mein“ Haus, umgeben von üppigem Grün. Noch Wünsche?

DSC00234

DSC08135

DSC08134

Als verwildert und verwunschen findet sich der Park auch immer wieder in niedergeschriebenen Erinnerungen der vier Großen des neunzehnten Jahrhunderts dieser Stadt – Kerner, Mörike, Vischer und Strauß – beschrieben. Das Schloss diente während dieser Zeit lediglich noch als Sommerresidenz, zu anderen Jahreszeiten muss die Stadt geradezu menschenleer gewirkt haben, was dazu beigetragen haben mag, die dichterische Phantasie bereits in jungen Jahren zu beflügeln. Nach dem Tod Friedrichs endete das Ludwigsburger Hofleben ganz und gar. Die Anlage fiel in einen Dornröschenschlaf.

DSC00235

Wer dem weiteren Verlauf des Pfades folgt, fühlt sich alsbald an Dornröschen erinnert: Auf einem Vorsprung der Steinbruchkante erhebt sich über einem kleinen See die Emichsburg. So mittelalterlich sie mit ihrem runden Turm – aus sehr viel mehr besteht sie nicht – anmutet: Auch sie wurde von Friedrich errichtet, nach den Plänen von Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret, und – entsprechend dem damaligen Zeitgeschmack – dem Stil des Mittelalters nachempfunden. Die Epoche der Romantik hatte ihren Einzug gehalten, und in der Tat fügt sich das Bauwerk sehr harmonisch in das Bild des Landschaftsgartens. Von seiner Terrasse bietet sich ein weiter Ausblick über den unteren Garten. Einst war auf dem Turm eine Äolsharfe installiert, deren gespenstisch anmutende Klänge der Wind erzeugte, was die mystische Stimmung unterstrichen haben mag. Mörike verewigte Burg und Harfe in einem anrührenden Gedicht, in dem er seinen früh verstorbenen Lieblingsbruder August, der nicht weit vom Garten begraben lag, betrauert.

An eine Äolsharfe

[…]

Angelehnt an die Efeuwand
Dieser alten Terrasse,
Du, einer luftgebornen Muse
Geheimnisvolles Saitenspiel,
Fang an,
Fange wieder an
Deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herüber,
Ach! von des Knaben,
Der mir so lieb war,
Frisch grünendem Hügel.
Und Frühlingsblüten unterwegs streifend,
Übersättigt mit Wohlgerüchen,
Wie süß bedrängt ihr dies Herz!
Und säuselt her in die Saiten,
Angezogen von wohllautender Wehmut,
Wachsend im Zug meiner Sehnsucht,
Und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal,
Wie der Wind heftiger herstößt,
Ein holder Schrei der Harfe
Wiederholt, mir zu süßem Erschrecken,
Meiner Seele plötzliche Regung;
Und hier – die volle Rose streut, geschüttelt,
All ihre Blätter vor meine Füße!

Eduard Mörike (1837)

DSC00244

Heute ist die Burg in den Märchengarten integriert, sie beherbergt Rapunzel, deren Zopf auf Zuruf vom Turm herabgelassen wird, außerdem – wie könnte es anders sein? – Dornröschen und schließlich – im tiefsten, dunkelsten Winkel – Rübezahl, den besonderen Liebling meiner Kindertage. Der Märchengarten wurde in den 1950er-Jahren durch Albert Schöchle, den Wegbereiter des heutigen Blühenden Barocks, der wohl wusste, dass zur Deckung der Kosten ein Publikumsmagnet gebraucht würde, ins Leben gerufen. Hierzu hatte sich Schöchle während eines Besuchs eines niederländischen Märchengartens inspirieren lassen. So entstanden mit viel Liebe zum Detail gestaltete interaktive Märchenszenen, in denen durch akustische und optische Signale bestimmte Funktionen ausgelöst werden konnten, die mittels technischer Mittel, wie Spiegel- und Beleuchtungstricks, Diaprojektion oder kunstvollen Wasserspielen die Illusion perfekt machten. So hob sich dieser Märchengarten von Anfang an wohltuend von manchen anderen ab, in denen auf Knopfdruck lediglich Figuren dümmlich hin und her zu wackeln pflegen, während von einem Sprecher auf teilweise ausgeleierten Tonträgern eine Kurzform des Märchens erzählt wird, was spätestens ab der dritten Szene Langeweile aufkommen lässt.

So sehe ich mich als Kind mit wohligem Schauder die schummrig beleuchtete Turmtreppe hinabsteigen, mich an der Wand entlang vortasten bis zur aufleuchtenden Schrift „Rufe: Rübezahl“, den Namen ins Dunkle rufend, zunächst viel zu schüchtern und leise, dann, nachdem die Reaktion auszubleiben scheint, doch forscher und lauter, um mit einem erschrockenen Satz zurückzuspringen, wenn plötzlich der Schattenumriss des Berggeistes mit Hut und finsterem Blick erschien und eine tiefe Stimme ertönte: „Du rufst mich! Hier bin ich!“ Weiter, während das vollständige Bild des rauen Gesellen erschien: „Siehst Du Gold und Edelstein?“ – in diesem Augenblick verschwand das Bild Rübezahls und hinter der durchsichtigen Diaprojektionsleinwand setzte stattdessen Beleuchtung ein, die plötzlich dahinter gelagerte Schätze sichtbar machte und sekundenlang verführerisch funkeln ließ. Jedoch die Ernüchterung würde alsbald folgen: „Aber Du bekommst sie nicht! Hahahaha!“ Und mit schaurig verebbendem Lachen verschwanden Bilder und Goldschatz, und es setzte wieder völlige Dunkelheit ein.

Soll ich ihn aufsuchen, den Märchengarten? Diesmal – nach Jahren – ohne Alibi-Kind? Ich bin unentschlossen, überquere zunächst barfuß mit den Schuhen in der Hand den weitläufigen Rasen und begebe mich nochmals zurück zu meinem Lieblingshaus. Es zieht mich zunächst noch in das „Tal der Vogelstimmen“, in das man über einen rechts vom Haus gelegenen Pfad gelangt, auch dies ein Relikt aus Kindertagen. In einer üppig bewachsenen Mini-Naturlandschaft werden auf einzelnen Tafeln Vögel des jeweiligen Landschaftstyps gezeigt und ihre Stimmen abgespielt. Es scheint sich hierbei noch um die alten Tonbänder zu handeln, die Wiedergabequalität entspricht damaligen Standards, sie werden teilweise von den real vorhandenen Stimmen der zahlreichen Singvögel in diesem üppig bewachsenen Gartenbereich übertönt. Ausgelöst werden sie jeweils durch eine Lichtschranke, und auch wenn manches nicht mehr einwandfrei funktioniert, möchte ich die nostalgische Anlage nicht missen, zumal der etwas abseits verlaufende Pfad durch eine üppige Pflanzenwelt einen geradezu meditativen Aufenthalt ermöglicht.

DSC08137

DSC08138

DSC08139

Als der Pfad wieder auf den Hauptweg trifft, stehe ich erneut vor dem nachdrücklich einladenden Wegweiser „Zum Märchengarten“. Meint er mich? Ich wage es!

(Fortsetzung folgt)

 

Zu den vorhergehenden und weiteren Folgen:

Teil I

Teil II

Teil IV

 

© Bettina Johl

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Homepage der Stadt Ludwigsburg

Andrea Hahn: Ludwigsburg. Literarische Spuren,
Andreas Hackenberg Verlag, Ludwigsburg, 2004,
ISBN 3-937280-04-9

literarische spuren Ludwigsburg

Advertisements

Kommentar verfassen - Achtung: Wenn du auf unserem Blog kommentierst, erklärst du dich damit einverstanden, dass die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) übermittelt werden! Mehr Infos dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s