Gartenreise ins wiedergefundene Paradies – Teil II

Wie oft bin ich hier entlang gegangen? Die altehrwürdige Platanenallee, die vom östlichen Tor des Ludwigsburger Schlosses in den oberen Ostgarten führt, weckt Erinnerungen an Besuche im Frühjahr, die Farbenpracht der Tulpenrabatten zu beiden Seiten des Weges. Jetzt im Sommer zeigt sie sich in schattigem Grün. Im vergangenen Jahr setzte hier ein kreatives Projekt Kunst und Natur in harmonische Komposition.

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Oft tendiere ich jedoch dazu, sehr bald vom Wege abzukommen und mich vom großen Strom abzusetzen, suche mir rechter Hand einen stillen Pfad zwischen bunten Gräsern und Storchschnabelgewächsen durch den Romantischen Staudengarten, der zu einer kleinen Veranstaltungsbühne und weiter zu dem Barocken Bauerngarten bei der Remise führt, an den sich alsbald die Orangerie und die Gärtnerlaube mit einem farbenfrohen Schaugarten anschließen. Im beginnenden Sommer lässt es sich hier schwelgen zwischen Pfingstrosen, Mohn, Rittersporn und Fingerhut. Später werden Sonnenhut, Malven und Sonnenblumen folgen, um im Spätsommer von einer leuchtenden Dahlienpracht abgelöst zu werden, als letztes Farbenfeuer vor dem Einsetzen des Herbstes.

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Der Ostgarten wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts durch Herzog Friedrich II. im Stile eines Englischen Landschaftsparks umgestaltet, nachdem die zu diesem Zeitpunkt fast hundert Jahre alte Gartenanlage lange vernachlässigt lag, denn der Vorgänger Carl Eugen, jener Herzog, der sich – wie Schillers Brief zu entnehmen – gut aufs „Ignoriren“ verstand, hatte das Interesse daran sehr schnell verloren.

Im oberen Teil des Gartens setzen Elemente aus der Antike einen Themenschwerpunkt. Den malerischen Mittelpunkt bildet der Schüsselesee, umgeben von einem historischen Spielplatz, auf dem die höfische Gesellschaft sich zu vergnügen pflegte.

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Ein weiteres Mal führt mich mein Weg auf einen Seitenpfad, diesmal links des Hauptweges. Er führt zwischen Waldvegetation und alten Baumriesen zum David-Friedrich-Strauß-Denkmal, einem runden, von sieben Säulen getragenen Aussichtspavillon. Von dort bieten sich schöne Ausblicke auf den unteren Ostgarten.

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David Friedrich Strauß, Philosoph, Literat und Theologe, war Zeitgenosse Mörikes und wie dieser ein Sohn der Stadt. Sein „Leben Jesu“, eine 1835 erschienene kritische Abhandlung über den historischen Jesus, machte ihn einst über Nacht berühmt – und trug ihm zugleich für den Rest seines Lebens kirchlich-staatliches Berufsverbot ein, Los eines weiteren Unbequemen. Das Denkmal errichtete man ihm 1910, sechsunddreißig Jahre nach seinem Tod.

Hätte es ihm an diesem Ort gefallen? In einem seiner Gedichte setzt er sein Leben und literarisches Schaffen anschaulich in Beziehung zu Gärten und Pflanzen:

Der Hausgarten

Dies Büchlein mit Gedichten ist mein Hausgarten,
Worin ich früh und abends gern herumwandle,
Das Aug‘ im Grünen bade, reine Luft trinke,
Und an den kleinen Beeten mir zu tun mache.
Bald Blumensetzling‘ in den lockern Grund senk‘ ich,
Bald lab‘ ich durst’ge Wurzeln aus der Gießkanne,
Bald mit dem Messer oder mit der Baumsäge,
Was krumm wächst oder allzu struppig, ausmerz‘ ich.
Ich liebe nicht die künstlich warmen Treibhäuser,
Nicht Azaleen oder andere Prachtblumen;
Mein Sinn ist, ich gesteh‘ es, etwas altmodisch;
Er geht auf Rosen, aber nur auf einfache,
Auf braune Nelken, deren Duft das Hirn stärket,
Auf Silberlilien, deren Hauch das Herz reinigt.
In meinem Gärtchen ragen keine Felsberge,
Noch rauschen alte, riesenstämmige Steineichen;
Nur Haselsträucher schatten niedern Ruhbänken,
Und dort die junge Linde meinem Schenktischchen.
Auch eine Gaisblattlaube ließ ich einrichten;
Doch meid‘ ich sie, die wohl ein Liebespaar bärge,
Und ich bin einsam und soll einsam auch bleiben,
Wen ich mir in die Laube wünschte, wohl weiß ich’s.
O Götter! habt ihr Ohren, Herzen? Wie könnt ihr,
Was ihr doch für einander schuft, getrennt halten?

David Friedrich Strauss

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„Es geht auf Rosen […]“ Immerhin, diese finden sich auch hier. Ein ruhiger, fast meditativer Ort. Ruhebänke laden zum Verweilen, die Aussicht auf den unteren Ostgarten ins Tal der Rhododendren wird zu deren Blütezeit zu einem Farbentraum. Für dieses Schauspiel komme ich allerdings zu spät. Man kann nun einmal nicht alles haben. Stattdessen überwiegt ruhiges, schattiges Grün um das steinerne Gärtnerhaus, von dem ich mir als Kind immer ausmalte, wie schön es wohl sein müsste, darin zu wohnen.

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Weiter geht es auf schattigen Pfaden durch den Hain.
Hier findet sich manch schlichte Blumenschönheit.

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Hinaustreten ans Sonnenlicht. Vor mir erstrecken sich die mediterranen Terrassen und Weinberge, die den Schüsselesee zur Hälfte umrahmen. Sie versetzen mich in südliche Gefilde. Die Seele baumeln lassen unter Rosenspalieren – Ferien!

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Das historische Karussell ist – wie auch alle anderen Spielgeräte und Schaukeln – nicht original erhalten, konnte aber aufgrund gut erhaltener, präziser Zeichnungen auf gelungene Weise rekonstruiert werden. Die alten Pferdekarussells wecken Kindheitserinnerungen, allerdings galten sie bereits zu meinen eigenen frühen Tagen als historisch und man bekam nur selten welche zu sehen; wir kannten sie mehr aus Erzählungen der Älteren. Hier können sich nun Große und Kleine daran freuen.
Die Faszination ist geblieben.

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Oberhalb der Terrassen führt ein Weg zum Weinberghaus und zum Japanischen Garten, der in den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts angelegt wurde, als man begann, neue Impulse aus anderen Kulturen aufzugreifen und sich weltoffen zu zeigen. Besonders gern habe ich diesen besonderen Ort der Ruhe und Besinnung zur Kirschblütezeit im Frühling aufgesucht.

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Über schmale Steinstufen geht es wieder hinunter und ich erlaube mir manchen Seitenabstecher auf die Terrassen, wo es eine reiche mediterrane Pflanzenpracht zu bewundern gibt.

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Im Außenbereich der unterhalb gelegenen Cafeteria ist gut Verweilen, aber meine Ungeduld zieht mich bald weiter, vorbei an den künstlichen Ruinen eines römischen Aquäduktes zur Alten Gärtnerei mit dem Kräutergarten. Sich auch hier plötzlich wiederfinden an einem stillen Ort, nur von würzigen Düften und Bienengesumm erfüllt. Im historischen Gewächshaus hängen die alten Gartengeräte, Strohhüte und Schürzen, als habe der Gärtner aus alter Zeit es vor Minuten verlassen, um alsbald zurückzukehren.

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Draußen im warmen Sonnenlicht umrunde ich jedes einzelne Kräuterbeet, um im Stell-Dich-ein der Küchen- und Heilpflanzen immer wieder Neues zu entdecken. Die Stimmung dieses magischen Winkels nimmt gefangen.

Ein Zitat einer großen Weisen aus einer anderen Gegend und viel früheren Zeiten, als es diesen Ort lange noch nicht gab, als niemand auch nur an ihn dachte, geht mir durch den Sinn:

“Die Kräuter bieten einander den Duft ihrer Blüten an, ein Stein strahlt seinen Glanz auf die anderen. Alles was lebt hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung. Auch steht die ganze Natur dem Menschen zu Diensten, und in diesem Liebesdienst legt sie ihm freudig ihre Güter ans Herz.”

Hildegard von Bingen (Aus: Liber Vitae meritorum)

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Es fällt schwer, mich zu lösen. Zeit, den oberen Teil des Gartens zu verlassen. Das andere Seeufer ist erreicht. Zur Linken führt nun ein Weg in den Sardischen Garten. In einer sonnigen Senke findet sich hier nochmals eine südliche Welt der Pflanzen und Gesteine ganz besonderer Art.

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Zugleich ist der überzäunte Garten Großvoliere für Vögel. Dieser Umstand jedoch macht mich traurig und lässt mich schnell weiterziehen. Sehr viele Lauf- und Wasservögel finden sich hier auf verhältnismäßig kleinem – zu engem – Raum. An und auf der einzigen winzigen Wasserfläche drängen sich Flamingos, Löffler, Sichler und Enten, die überall verteilt über den Hang, den sie im Weiteren mit Weißstörchen und Fasanen teilen, auf nicht weniger engem Raum unter stressigen Bedingungen brüten. Die Vogelhaltung ist ein überdenkenswertes Relikt aus alten Tagen. Tiere lassen sich nicht anordnen wie Pflanzen und Steine. Sie haben Bedürfnisse, denen Rechnung getragen werden muss. Ein Garten von solcher botanischer Vielfalt und Fülle sollte besser ohne Tiere in Gefangenschaft auskommen.

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Ich verlasse die Voliere durch den von Orchideen bewachsenen Posilippo-Tunnel, der um das Jahr 1800 zu Herzog Friedrichs Zeiten erbaut wurde, um den oberen mit dem unteren Ostgarten zu verbinden. An dessen Ende trete ich aus dem Halbdunkel in eine andere Welt.

(Fortsetzung folgt)

Zur den vorhergehenden und nächsten Folgen:

Teil I

Teil III

Teil IV

© Bettina Johl

Quellen:

Homepage Blühendes Barock Ludwigsburg

Homepage Schloss Ludwigsburg

Homepage der Stadt Ludwigsburg

David Friedrich Strauß im Bibellexikon auf Bibelwissenschaft.de

Das Leben Jesu – Die ZEIT vom 15.07.1983 Archiv ZEIT Online Kultur

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