Plädoyer für eine neue Wertschätzung der Bäume von Haus und Hof

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Birnbaum in der Nähe eines Gehöfts bei Hesseneck-Hesselbach im Odenwald
Foto: Bettina Johl

Das Buch „Hofbäume“ von Rudolf Wittmann und Jacob Zwisseli

Manches, was früher für uns zum vertrauten Bild gehörte, ist unseren Blicken entschwunden, ohne dass wir es zunächst bemerkten. Im Laufe der Jahre, während derer wir keine Zeit hatten, etwas zu vermissen, weil wir mit anderen Dingen beschäftigt waren, stellte sich zwar zunehmend ein unbestimmtes Gefühl der Leere ein, eine Ahnung davon, dass unsere Welt ärmer an Schönheit geworden ist, steriler, funktioneller, worüber es ja auch an allgemeinen Klagen nie mangelt. Was jedoch im Einzelnen fehlt, tritt erst wieder in unser Bewusstsein, wenn es an einem besonderen Ort unvermittelt wieder in unser Auge fällt, wenn wir staunend davor stehen und uns fragen: Warum ist dies eigentlich so selten geworden?

So prägten einst Hofbäume entscheidend das Landschaftsbild im ländlichen Raum, verliehen Dörfern  und Siedlungen Gestalt und Charakter. Kindheitserinnerungen werden wach. Weniger an die Bauernhöfe der Kleinstadt, in der ich selbst aufgewachsen bin; diese waren meist sehr eng umbaut und boten einem Hofbaum selten Platz. Vielmehr an sommerliche Besuche bei einer Großtante in einem stillen Landstädtchen in der Oberlausitz. Kein großes Gehöft, gewiss, – für das Kind, das ich war, jedoch Inbegriff des ersehnten Landlebens mit Federvieh, Kaninchen und zahlreichen Katzen, zeitweise auch einer Ziege. Ein Wohnhaus mit Veranda, ein farbenprächtiger Selbstversorger-Garten mit zahllosen Blumen, vielerlei Arten Gemüse und Beerenobst, ein Hühnerhof mit Stall und Geräteschuppen und ein vorderer, teils kopfsteinbepflasterter, teils grasbewachsener Hofbereich, in dessen Mitte sich die damals für die Gegend typische Wasserpumpe befand, die auch zu Zeiten, als es im Haus längst fließendes Wasser gab, gern vielfältig genutzt wurde. Dieser kleine Hof wurde beschirmt von einem ausladenden Nussbaum, unter dessen Laub der ersehnte Schatten an heißen Tagen und ebenso Schutz vor nasser Witterung zu finden war. Ich erinnere mich, bei strömendem Regen unter diesem Baum gespielt zu haben, während kaum ein Tropfen durch die Blätter zu mir durchdrang. „Kind, komm rein, du wirst nass!“ rief die besorgte Oma aus dem Fenster der überdachten, verglasten Veranda, wo sie ihrer Schwägerin beim Vorbereiten des Obstes zum Einwecken half, während diese nur lachte und in schönstem Schlesisch sagte: „Lass ock man spillen, die wird schonn ni nass! Unter DEM Boome wird die ni nass!“

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Eine Walnuss als Hofbaum in Stetten am Heuchelberg/Baden-Württemberg
Foto: Bettina Johl

 

Diese inneren Bilder werden auch lebendig, wenn sie von großer Literatur vor uns hingestellt werden, wie im Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann, in dem der Erzähler Serenus Zeitblom die Geschichte seines Freundes und Musikers Adrian Leverkühn vor dem Leser entwirft, die Kindheit Leverkühns auf dem elterlichen Bauernhof, wo die beiden Freunde unter einer Linde sitzend ihre frühesten musikalischen Erfahrungen bei der Stallmagd Hanne machen, die sie zum gemeinsamen Kanonsingen anleitet.

Innere Bilder, die sich erneut wecken lassen beim Betrachten des Bildbandes „Hofbäume“ von Rudolf Wittmann und Jacob Zwisseli. Anblicke, die selten geworden sind. Bäume mit Tradition und Familienanschluss, die oft zu besonderen Anlässen gepflanzt, über mehrere Generationen von Menschen gehegt und gepflegt wurden, die diesen im Gegenzug Schutz, Schatten und je nach Baumart ihren natürlichen Ertrag gewährten. Gerade die Walnuss, lese ich, galt als sehr beliebt, nicht nur wegen der ergiebigen Ernte, die sie im Herbst versprach, sondern auch wegen ihres späten Laubaustriebs: Im Frühjahr ließ sie viel Licht in den Hof, während ihr Laub im anschließenden Sommer dennoch tiefen Schatten spendete. Erinnerungen werden wach beim Blättern in heutigen und historischen Aufnahmen von Hofbäumen aus Gegenden, die ich von Reisen her kenne, vom Schwarzwald und Allgäu bis hin nach Mecklenburg, welches ich erst als Erwachsene kennenlernte und besonders wegen seiner noch erhaltenen Baumbestände liebe. Ich erfahre Vertrautes und Neues über Kastanie und Linde, Birke und Eiche, Ahorn und Buche, Holunder und Birne und werde neugierig auf Gegenden, die ich noch nicht kenne, wie das Alte Land bei Hamburg mit dem Charme seiner formschönen, norddeutschen Bauernhäuser, kunstvoll konstruiert aus Fachwerk und Backstein, umgeben von Obstbäumen, die im Frühling ein Blütenmeer versprechen.

Nach einem allgemeinen Teil, der sich Kulturgeschichte, Tradition und Rolle des Hofbaumes, aber auch der Problematik der zunehmenden Bebauung und Zersiedelung der Landschaft sowie der Zerstörung der Natur widmet, befassen sich eigene Kapitel mit den einzelnen Baumarten, geben Aufschluss über Bedeutung, Herkunft, Standorte, Eigenschaften und charakteristischen Besonderheiten des jeweiligen Baumes. Traditionell überlieferte Geheimrezepte zur Verwendung von Blüten und Früchten, die manche Bauernfamilie im Gespräch verriet, fehlen nicht; so finden sich Tipps zum Einlegen von Birnen, zur Herstellung und Zubereitung von Holunderblütentee oder eines Maronendesserts. Im anschließenden Kapitel finden sich fachlich fundierte Tipps zu Schnitt und Pflege. Das Buch schließt mit wichtigen Überlegungen zur Zukunft des Baumes, dessen Bedeutung als Ökosystem unbedingt wieder stärker ins Bewusstsein geholt werden muss.

Den Anlass zur Entstehung des Buches gaben Wettbewerbe unter dem Motto „Wer hat den schönsten Hofbaum?“, zu denen in vergangenen Jahren mehrere landwirtschaftliche Wochenblätter aufgerufen hatten. Durch die große Resonanz, die diese fanden, wurde es erst möglich, die Standorte vieler der beeindruckenden alten Bäume zu finden und aufzusuchen, welche im Buch in über hundert ansprechenden Farbfotografien festgehalten sind. Viele Familien boten die Wettbewerbe hingegen Anlass, sich mit ihren Bäumen neu zu beschäftigen und sich, indem sie ihnen Aufmerksamkeit widmeten, neu über deren Bedeutung bewusst zu werden und ihnen neue Wertschätzung entgegenzubringen.

Der Autor Jacob Zwisseli ist ein erfahrener Biologe, sein Kollege Rudolf Wittmann ist Fotojournalist, Gärtnermeister und Baumsachverständiger. In dieser Eigenschaft hält Wittmann Vorträge und Seminare über das Thema Bäume, die er zum Anlass nimmt, zum Umdenken einzuladen. So will auch dieses Buch dazu anregen, nicht nur bestehende Bäume zu erhalten und diese nicht zu entfernen, weil sie womöglich „stören und Dreck machen“, – ein besonders in Süddeutschland oft gehörter Satz, der leider zu oft das Schicksal eines Baumes besiegelt. Es will ferner einen Impuls geben, über Fehlendes und Verlorengegangenes nachzudenken und Neuanfänge zu wagen. Neue Bäume zu pflanzen – nicht nur auf Höfen, die bedingt durch den Rückgang der traditionellen Landwirtschaft immer seltener zu finden sind,  ebenso an Wohnhäusern und in Gärten. Denn ein Baum benötigt am Boden wenig Platz, kommt mit der Fläche zweier Parkplätze aus. Eine Gelegenheit, Kindern, die heute oft in der Sterilität von Neubausiedlungen mit kahlen Rasenflächen und exotischen Ziergewächsen aufwachsen, ihre Bäume zurückzugeben.

Einen Baum haben führt zu einer neuen Art der Wahrnehmung. Wer einen Baum hat, erlebt die Jahreszeiten intensiv, sieht mit neuen Augen Licht und Schatten, die Lichtreflexe in der Bewegung der Blätter, die Farben der Blüte und des Herbstlaubs, hört Wind und Regen, das Fallen der Blätter und Früchte, aber auch den Gesang der Vögel und das Summen der Insekten, welchen mit dem Baum ein neuer Lebensraum ermöglicht wird, fühlt Wärme und Kühle, die Beschaffenheit der Rinde, riecht die verschiedenen Düfte der Jahreszeiten und schmeckt je nach Art die Früchte des Baumes. Manche Bäume laden gar zum Klettern ein, verleihen so – im wörtlichen wie übertragenen Sinn – ein neues Gefühl für Gleichgewicht.

Wem die Möglichkeit zum Pflanzen eines eigenen Baumes nicht gegeben ist, dem bietet sich dennoch die Chance, sich beim Betrachten der schönen Farbfotos inspirieren zu lassen, den eigenen Blick neu zu auszurichten, sich für Gefährdetes zu sensibilisieren und sich für Erhalt und Neuanpflanzungen an öffentlichen Plätzen einzusetzen. So ist das Buch letztlich ein Plädoyer für das Recht aller Menschen auf Bäume – an allen Orten, seien es Wohnblocks, Arbeits- und Freizeitstätten, Schulen, Spielplätze. Denn wie arm – an Leben und Lebensqualität! – wäre eine künftige Welt ohne Bäume!

Bettina Johl

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Rudolf Wittmann und Jacob Zwisseli: Hofbäume. Tradition – Baumarten – Pflege. Ulmer Verlag, Stuttgart 2008. 141 S., 104 Farbabb, € 14,90. ISBN 978-3-8001-5438-8

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Ein Kommentar zu “Plädoyer für eine neue Wertschätzung der Bäume von Haus und Hof

  1. Bin ganz deiner Meinung! Freue mich über jeden Baum, Nadelbäume ausgenommen, den ich auf einem Grundstück nahe des Hauses entdecke! Wir haben zwar 2 Bäume aus Sicherheitsgründen fällen müssen, aber gleich 6 neue gepflanzt. Zusätzlich – aus Tradition – 2 Holunder gesetzt!

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