Bleibende Augenblicke

Bild

Das Faszinierende an der Fotografie ist – für den Fotografen wie für den Betrachter – die Einzigartigkeit des eingefangenen Augenblicks. Das Leben besteht aus ungezählten und unzählbaren solcher Augenblicke, deren größter Anteil verstreicht, ohne von uns bewusst wahrgenommen zu werden. Bleiben derer manche dennoch in unserem Gedächtnis, verblassen sie nicht selten, verändern sich, werden schnell von anderen Erinnerungen überlagert. Uns bleibt nur das Bewußtsein, dass es wohl immer wieder Augenblicke geben wird, die anderen, vorangegangen ähneln, aber dass sich kein einziger Augenblick für sich selbst in Raum und Zeit, – den Dimensionen, die unsere Wahrnehmung kennt -, genauso und nicht anders wiederholen wird. Insbesondere gilt dies für bewegliche Objekte, umso mehr, wenn diese sich zu Land, zu Wasser und vor allem in der Luft bewegen. Solches ist nun einer Tiergattung eigen, die uns ganz besonders fasziniert, gerade weil wir sie so schwer fassen können, namentlich: den Vögeln. Wir beneiden sie ob ihrer Kunst – bis auf wenige Ausnahmen – fliegen zu können; unsere Versuche, es ihnen darin gleich zu tun, sind hoch aufwändig und wirken geradezu jämmerlich, verglichen mit der Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie, die gefiederten Zeitgenossen, sich in die Lüfte schwingen. Wir bewundern ihr gutes Sehvermögen, ihr Geschick beim Nestbau und ihre Fähigkeit, in aufrechter Haltung schlafen zu können, ohne dabei vom Ast zu fallen. Wir erleben sie als sehr klug, ahnen, dass ein vermutlich sehr großer Teil ihrer Intelligenz und ihres ganzen Wesens sich unseren Forschungsbemühungen weiterhin entziehen und sich uns wohl nie vollständig erschließen wird.  Sie mit der Kamera einzufangen hingegen bedeutet für den Fotografen eine besondere Herausforderung und erfordert neben einer guten Ausrüstung und sehr guten Kenntnissen über Wesen und Eigenarten der jeweiligen Vogelart vor allem eines: unendliche Geduld.

Dem Finnen Markus Varesvuo ist all dies auf ganz besondere Weise gegeben, wovon der vorliegende Bildband zeugt. Er wurde von der Gesellschaft Deutscher Tierfotografen (GDT) als europäischer Naturfotograf des Jahres 2010 in der Kategorie Vögel ausgezeichnet. Bereits das Titelfoto des Bandes, – die Momentaufnahme eines Schwarzspechtes im Anflug, der geradezu in der Luft zu stehen scheint, umgeben von Lichtreflexen durch vom Baum herabfallende Schneeflocken – , verweist auf eine fotografische Kunstfertigkeit, die ihresgleichen sucht. Der Einsatz von technischen Möglichkeiten ist bis zu einem gewissen Grade erlernbar. Das richtige Auge, den richtigen Blick  jedoch für Situationen und für die berühmten Augenblicke, – dies alles hat man entweder oder man hat es nicht. Markus Varesvuo, seit mehr als 25 Jahren Naturfotograf, hat es. Und er hat sich seinen schwer zu zähmenden Objekten – den Vögeln – auf besondere Weise verschrieben. Er spricht von einer „Unberechenbarkeit, die süchtig macht“. Und: „Vögel sind ein Teil unserer Welt. Wir benötigen sie mehr als sie uns“, sagt er, – und wir ahnen, dass es sich in der Tat so verhält.

Die einzelnen Kapitel befinden sich in fließendem Übergang, ohne sich allzu betont voneinander abzugrenzen. Sie beleuchten verschiedene Lebensbereiche und zeigen das Verhalten ganz unterschiedlicher Vogelarten bei Balz und Paarung, Aufzucht der Jungen, Baden und Trinken, Gruppenverhalten und Kampf, Jagd und Fressen, Flug und Wanderung. Auch Besonderheiten wie Tarnung, Täuschungsmanöver zum Schutz des Nestes oder Umgang mit extremer Witterung werden anschaulich aufgezeigt.

Erinnerungen tun sich auf an eigene Erlebnisse. Ein Kampf zweier Fasanen, dessen Zeuge ich – unterwegs in niederrheinischen Gefilden – selbst zufällig wurde, da die beiden so sehr miteinander beschäftigt waren, dass sie mein Annähern per Fahrrad in der Dämmerung gar nicht bemerkt hatten. Sie rauften verbissen, und lange blieb ihr Kampf unentschieden, bis der am Ende Unterlegene irgendwann in Gefahr geriet, auf die Landstraße zu laufen. Ich schritt ein, veranlasste ihn zum Innehalten; er brachte sich über den Graben in Sicherheit und die Rauferei ging für kurze Zeit von Neuem an, währte jedoch nicht mehr allzu lange, bis schließlich der Stärkere den inzwischen sichtlich mitgenommen wirkenden Schwächeren kurzerhand vom Feld jagte; er verfolgte ihn, bis die beiden nur noch als zwei Punkte in der Ferne auszumachen waren. Während ich noch fasziniert hinterher starrte, kam mir der blitzartige Gedanke, dass bei dieser Aktion sicherlich Federn gelassen wurden, und ich beeilte mich, die Stelle, wo die Raufbolde ihren Zwist ausgetragen hatten, aufzusuchen. Ich wurde fündig; einige Brustfedern hatten beim Kampf nach Fasanenart, mit den Füßen voraus frontal aufeinander einzuspringen, dran glauben müssen. So sammelte ich ein, was ich irgend noch in der zunehmenden Dunkelheit ausmachen konnte und trug meine seltene Beute stolz nach Hause. Die Federn waren übrigens selbst an ihrem Kiel in bestem Zustand, – bei all seiner heftigen Intensität war der Kampf gänzlich unblutig verlaufen. Lediglich machte ich mir so insgeheim meine Gedanken darüber, welche menschlichen Schimpfwörter sich wohl bei einer Übersetzung der krächzenden Laute, die jene beiden in Fasanensprache von sich gaben, ergeben hätten.

Eine weitere Aufnahme von sich in der Luft balgenden Staren, in diesem Fall um nichts Wichtigeres als den besten Badeplatz, erinnert mich an Szenen, wie ich sie noch wenige Tage zuvor – beim Durchzug einiger dieser drolligen und begabten Gesellen – vom Küchenfenster aus am Futterplatz im Garten beobachtete. „Dies sollte man fotografieren“, hatte ich noch gesagt.

Wieder ganz anders in ihrer Anmut das Balzverhalten der Wasservögel, die mit ihrem auf Symmetrie ausgerichteten Tanz, eindrucksvoll verstärkt durch die Wirkung von Sonnenlicht und Wasserspiegelung, ein Schauspiel von besonderer Schönheit bieten. Ein Haubentaucherpaar auf einem See, an dem ich mich eine Zeitlang aufhielt. Sie segelten immer wieder mit zügiger Geschwindigkeit aufeinander zu, bis ihre Hälse sich berührten, um sich hernach wieder zu biegen und – Schwänen ähnlich – bei gegenseitiger Berührung der Schnäbel nahezu eine Herzform zu bilden, drehten sich, – ihr Brustgefieder leuchtete im Sonnenlicht hell auf -, umkreisten einander, trennten sich, um sich erneut zu begegnen. Ein Verhalten, welches – wie es hier auch der Fotograf bei verschiedenen Szenen erläutert – enorm wichtig ist für die Paarbindung und die gemeinsame Bewältigung späterer schwieriger Aufgaben. Bedenkenswert: Die Vögel beginnen damit – unabhängig von ihrem Lebensalter – jedes Jahr von Neuem, auch wenn sie ihren Partner vom Vorjahr sehr oft beibehalten.

Vor allem Wasser in seinen unterschiedlichsten Aggregatsausprägungen bietet mit seinen vielfältigen Lichtreflexen ein unendliches Experimentierfeld für den großen Meister der Naturfotografie, der sich jedoch so ganz und gar nicht als solcher in Szene setzt; freimütig und mit sichtlicher Freude, sein Wissen teilen und weiterzugeben zu können, gibt er Auskunft über die Umstände, die zu den einzelnen Aufnahmen geführt hatten, über Belichtungszeit und Hintergrund, über Lockfuttertricks, ohne die wohl auch der Spezialist nicht völlig auskommt, – so wenig wie ohne das nötige Quäntchen Glück und etwas von dem, was wir „hohe Frustrationstoleranz“ nennen würden. Unumwunden gibt er zu, dass intensiv vorbereitete Exkursionen nicht zwangsläufig Erfolg einbringen, sondern durchaus schon einmal ergebnislos verlaufen können, während sich ein anderes Mal völlig unvorbereitet durch reines Glück fantastische Motive finden und zu wunderbaren Aufnahmen führen. Eben dies macht es so spannend. Hinzu kommt der Umstand, dass Varesvuo in Skandinavien lebt, wo viele seiner Aufnahmen unter ganz besonderen Lichtverhältnissen entstanden sind, sei es durch die sommerliche Mitternachtssonne oder den reflektierenden Schnee während der langen Winter, der gerade bei Aufnahmen von Vögeln im Flug für optimale Beleuchtung von unten her sorgt und dadurch manchmal geradezu Studioverhältnisse schafft. Wir Bewohner Mitteleuropas sehen dies mit Staunen und einem leichten Anflug von Neid.

„Vögel – Magische Momente“ ist ein Fotobildband, der es von der ersten Seite an schafft, in den Bann zu ziehen, ob in der Darstellung des Außergewöhnlichen, – wie die Möwe, die bei der Verteidigung ihres Nests auf ihre Schnelligkeit und Wendigkeit setzend, auf dem Rücken eines Adlers gelandet ist und ihm kopfunter in die Augen schaut -, wie auch bei der Herausarbeitung des Außergewöhnlichen im Alltäglichen, – wie die Bögen lichtsprühender Wassertropfen, die beim Baden eines schlichten Singvogels – in seiner jeweiligen faszinierenden Farbausprägung – entstehen. Ein Register mit technischen Details zu jedem Bild für alle, die sich mit dem Betrachten nicht begnügen wollen, befindet sich am Ende des Buches. Wer dasselbe aus der Hand legt, hat nicht nur traumhafte Fotografien zu sehen bekommen, sondern auch sein Wissen und Verständnis sowohl über Eigenart und Verhalten von Vögeln als auch über die Kunst der Fotografie erweitert. Und so wird man diesen großartigen Band, eine Hommage an die Vögel Europas, vermutlich auch sehr bald erneut zur Hand nehmen, – denn: Eingefangene Augenblicke sind bleibende Augenblicke, und – einmal ist bekanntlich keinmal!

© Bettina Johl

 

Markus Varesvuo: Vögel – Magische Momente

2012 Eugen Ulmer KG, 160 Seiten, 150 Farbfotos, geb. mit SU, ISBN 978-3-8001-7708-0, € 29,90

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2 Kommentare zu “Bleibende Augenblicke

  1. Jarg sagt:

    Das klingt nach einem Buch, zu dem man immer wieder gerne greift, um die Bilder zu betrachten und es dann ungern aus der Hand zu legen! Danke für den Tipp!!

  2. Friedrich Springob sagt:

    Da ist ja die Rezension fast so schön, wie das Buch selbst… Das freut mich als Ulmer-Mitarbeiter, aber mehr noch mich als Vogelfreund und Hobby-Fotografen, der als solcher weiß, wie schwer es ist, solche Augenblicke im Bild festzuhalten…

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