Eine kurzweilige Enzyklopädie – Elisabeth Svendsens Eselbuch

Sie sind in vielen Ländern der Erde als Arbeits- und Lasttiere unentbehrliche Partner des Menschen, in Mitteleuropa jedoch bilden sie eher ein seltenes Bild:  Esel, – die liebenswerten, langohrigen Gesellen, beliebt bei Kindern, von Erwachsenen leider oft verkannt, belächelt und unterschätzt. Während sie auf den britischen Inseln bereits sehr früh auch als Freizeittier entdeckt wurden und sich dort nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen, blieben sie in Deutschland eher eine Ausnahmeerscheinung, beschränkt sich die Eselhaltung bis heute auf kleinere, allerdings sehr engagierte und auf das Wohl der Tiere bedachte Liebhaberkreise, oder sie wird gar als preiswerte Alternative zum „Beistellpferd“ erwogen,  eine Lösung, die den Bedürfnissen des Esels allerdings bei weitem nicht immer gerecht werden kann.

Während die Fachliteratur zu Pferden in Buchhandlungen und Bibliotheken ganze Regale füllt, findet sich fachlich fundierte Literatur zum Thema Esel eher selten. An eselgerechter Haltung ernsthaft Interessierte nutzten zumeist die Möglichkeit, sich direkt an entsprechende Esel-Interessenverbände  zu wenden, die zumindest in Form von Broschüren Informationsmaterial bereithalten. Manch einer, der sich mit Pferden auszukennen meint, hält dies jedoch auch für verzichtbar und vertritt die Ansicht, dass man sich Esel „so nebenbei“ halten könne. Da wir es bei Eseln mit genügsamen und duldsamen Tieren zu tun haben, kann solches manchmal eine Zeitlang gutgehen, ohne dass es jemandem sofort ins Auge fiele, dass es dem Esel in Wirklichkeit nicht gut geht. Denn Esel sind nun einmal keine Pferde. Sie haben von Pferden verschiedene Anatomie- und  Charaktereigenschaften – und teilweise andere Bedürfnisse.

Ist uns zum Beispiel geläufig, dass ein Esel ein ausgeprägt geselliges Tier ist, welches in Einzelhaltung extrem leidet? Dass er sehr starke soziale Bindungen – auch zu anderen Tieren – eingehen kann und um den Verlust eines Weidegenossen enorm trauert? Dass er Futter mit hohem Rohfaseranteil benötigt und bei zu üppiger Weide mit zu viel eiweißreichem Futter in höherem Maße als ein Pferd anfällig für Stoffwechselerkrankungen wie Hufrehe ist? Dass er – im Gegensatz zum Pferd – über keinen natürlichen Fettaufbau verfügt, der sein Fell wasserabweisend macht, und er somit bei Aufenthalt im Freien zum Schutz vor Nässe Zugang zu einem soliden Unterstand braucht? Dass ein Esel, der eine Aufgabe, die ihm als nicht zu bewältigen erscheint, konsequent verweigert, keineswegs störrisch oder gar dumm ist, sondern – im Gegenteil – oft einfach nur weiterdenkt als ein Pferd? Bekanntestes Beispiel ist hier die Eselsbrücke, die zum geflügelten Wort wurde. Esel sind – ebenfalls im Gegensatz zum Pferd, die teilweise sehr gerne ins Wasser gehen, keine guten Schwimmer und durchqueren nicht gern Wasserflächen, deren Tiefe sie nicht abschätzen können. Sie benötigten „Eselsbrücken“!

Diesen eselspezifischen Themen widmet sich das 2011 beim Ulmer Verlag neu erschienene Eselbuch von Elisabeth Svendsen, welches hier nun eine wesentliche Lücke schließt. Es bietet uns eine umfassende, aber kurzweilige Enzyklopädie des Esels, wobei es auch ein gesondertes Kapitel Maultieren und Mauleseln, den bewährten Kreuzungen aus Esel und Pferd, widmet.

Die leider während der deutschen Übersetzung ihres in ihrer Heimat England vielbeachteten und geschätzten Buches  „The complete book of the donkey“ verstorbene Autorin war eine große Tierschützerin und Eselfreundin. Sie ist Gründerin der  Stiftung „The Donkey Sanctuary“, welche sich international für das Wohl von Eseln einsetzt,  sowie der „Elisabeth-Svendsen-Stiftung für Kinder und Esel“, welche den inzwischen sehr bewährten und gefragten therapeutischen Einsatz von Eseln bei Kindern mit körperlichen, geistigen und seelische Behinderungen fördert.

In der Einführung des Buches erzählt sie, wie es zu all dem kam, wie ihr sowohl in ihrer Heimat als auch auf Reisen weltweit das Elend vieler falsch gehaltener, überlasteter Esel auffiel,  – wie sie von da an alles unternahm, mehr und mehr ihr Wissen über Esel zu erweitern, – wie sich aus einem anfänglichen kleinen Esel-Asyl nach und nach eine große Stiftung entwickelte, die sich inzwischen mit großem Engagement und Erfolg in aller Welt, auch und gerade in ärmeren Ländern, um Aufklärung, Verbesserung von Haltungs- und Arbeitsbedingungen, medizinische Versorgung der Tiere und um die Ausbildung von Tierärzten und Helfern vor Ort kümmert. Ihr  Weg, durch Überzeugen zu motivieren, erwies sich bald als richtig und zeigte Erfolg, denn für viele in Armut lebende Menschen sind Esel als Arbeitstiere unverzichtbar und kostbarster Besitz. Ein gesundes Tier leistet nicht nur mehr, sondern hat auch eine höhere Lebenserwartung, was somit Tier und Mensch zugutekommt.

Wenn wir jedoch nun denken, Missstände in der Eselhaltung seien ärmeren Ländern vorbehalten, dann irren wir uns. Unkenntnis und mangelndes Verständnis für die Eigenarten dieser Tiere können auch hierzulande dazu führen, dass sich so mancher „Hobbyesel“ in schlechter Verfassung befindet. Daher findet sich im Verlauf des Buches viel Wissenswertes über die Abstammung des Esels und seine körperlichen, geistigen und emotionalen Voraussetzungen und Bedürfnisse. Nach einer ausführlichen Erläuterung aller Punkte, die bei dem Wunsch nach Anschaffung eines Esels bereits im Vorfeld zu klären sind, einschließlich dessen, was beim Kauf zu beachten ist und welche Haltungsbedingungen – inklusive Vorausberechnung der einzukalkulierenden Kosten! – erfüllt sein sollten, widmet sich bereits eines der vorderen Kapitel sorgfältig der medizinischen Betreuung und Gesundheitsfürsorge, welche sich sonst in vielen Tierbüchern oft erst weit hinten, wenn nicht gar im Anhang findet. Diese Gewichtung ist wesentlich und richtig, denn nur an einem gesunden Esel werden seine Halter Freude haben, – nur mit einem gesunden Esel kann gearbeitet werden, – nur mit einem gesunden Esel lässt sich gewährleisten, dass alle Beteiligten glücklich sind. Darauf aufbauend befasst sich das Buch in seinen nachfolgenden Einheiten ausführlich mit Erziehung und Ausbildung, Weide- und Stallmanagement und schließlich auch dem Thema Ausstellen inklusive Bodenarbeit, Reiten und Fahren. Denn Esel sollten keineswegs ein „Rasenmäher-Dasein“ führen; sie sind neugierige, aufgeschlossene Tiere, die bei fachgerechter Ausbildung und sorgfältigem Umgang ohne Überforderung sehr viel Spaß am Lernen entwickeln können, wovon auch der Mensch, der ihn als Freizeitpartner einmal entdeckt hat, reichlich profitieren wird.

Selbst der Punkt Aufzucht und Betreuung von Fohlen fehlt nicht, wobei hier das Augenmerk zu Recht deutlich auf die hohe Verantwortung gelegt wird, die das Züchten von Tieren stets mit sich bringt. In einem gesonderten Kapitel werden die in Europa geläufigsten Eselrassen vorgestellt. Im Anschluss daran wird in einem ausführlicheren Abschnitt über die Arbeit der Donkey Sanctuary und deren Projekte in den einzelnen Ländern auf verschiedenen Kontinenten berichtet. Ein weiteres Kapitel erläutert die Arbeit der Elisabeth-Svendsen-Stiftung für Kinder und Esel. Im therapeutischen Einsatz bestätigt sich einmal mehr die wohltuende Wirkung, die von Tieren im Allgemeinen und Eseln im Besonderen ausgeht, gerade für Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen. Esel sind sehr anhänglich und ausgeglichen, üben einen beruhigenden und vertrauensbildenden Einfluss aus und bewirken Therapieerfolge, die zuweilen an Wunder grenzen. Hier ist es der Esel, welcher hilft, die Brücken zu bauen! Wer als Kind hin und wieder das Glück hatte, bei Kummer die Nase im weichen Fell eines Esels vergraben zu können, kann dies gut nachvollziehen. Es wäre zu wünschen, dass diese Idee der tiergestützten Therapie speziell mit Eseln auch in Deutschland noch stärker aufgegriffen wird.

Nach einer kurzen Stippvisite in die Geschichte des englischen Eselzuchtverbandes, befindet sich am Ende des Buches nochmals ein alphabetisches „Einmaleins der Eselgesundheit“, das bei Bedarf ein schnelles, gezieltes Nachschlagen von Begriffen erlaubt, sowie ein allgemeines Register. Mit seinen anschaulichen und vielfach bestechend schönen Fotos ziert Elisabeth Svendsens Eselbuch die Bibliothek eines jeden Eselliebhabers, auch wenn noch keine Anschaffung eines eigenen Tiers geplant ist. Wo immer Tierfreunde bereit sind, ihr Wissen zu vervollständigen und weiterzugeben, sich vielleicht auch – wie viele der TherapiehelferInnen – ehrenamtlich engagieren, wird sich dies zum Nutzen von Mensch und Tier auswirken, werden – hier im wahrsten Sinne – Eselsbrücken gebaut. Ganz bestimmt aber wird es nach der Lektüre des Buches niemand mehr wagen, vom sturen oder gar dummen Esel sprechen!

Bettina Johl
Elisabeth Svendsens Eselbuch
(Aus dem Englischen von Claudia Händel)
Ulmer Verlag 2011
ISBN 978-3-8001-7573-4
Erhältlich überall im Buchhandel.

Bei OSIANDER bestellen

Links zu den im Buch genannten Organisationen:

http://www.thedonkeysanctuary.org.uk/
http://www.elisabethsvendsentrust.org.uk/
http://www.donkeybreedsociety.co.uk/

Esel-Links Deutschland:

http://www.esel.org/
http://www.muli.org/
http://www.noteselhilfe.org/
http://www.eselregister.de/
http://www.eseltrekking.org/
http://www.esel-freunde.de/
http://www.maultierfreunde.de/

Für die Schweiz:

http://www.eselfreunde.ch/
http://www.ig-maultier.ch/
http://www.maultier.ch/

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