Pfaffenhütchen zum Frühstück – Schöner wohnen mit Kiefer

Vor meinem Fenster ertönt Amselgesang. Mitten im November. Nicht laut und schmetternd wie im Frühjahr, sondern leise, verhalten, fast, als käme er von sehr weit her. Aber dann sehe ich sie. Sie hüpft nur wenige Meter entfernt auf dem Boden herum, auf die ihr eigene Weise trippelnd nach Essbarem suchend. Sie gibt sich beschäftigt, nur eine leichte, kaum merkliche Bewegung ihres Kehlkopfes verrät sie. Sie trägt ihren Gesang im Inneren. Früher hatte ich dies nie bewusst wahrgenommen.

Im Garten meiner Mulm geben sich seit jeher viele Vogelarten ihr Stelldichein. Auch das Rotkehlchen ist ein gern gehörter Wintersänger, dessen perlender Gesang erst dieser Tage wieder richtig zur Geltung kommt, da er sich von der Stille ringsum abhebt. Besonders im vorderen Teil des Gartens, wo dichte Sträucher diesen zur Straße hin abschirmen, hält es sich gerne auf. „Seit heute weiß ich, warum“, sage ich zu meiner Mum, „es steht auf deine Pfaffenhütchen!“ – „So, so“, meint sie grimmig, „haben wir mal wieder ein schlaues Buch?“ – „Haben wir! Und da steht drin, dass du alles richtig machst.“- „Na, das will ich doch schwer hoffen!“ Allerdings hatte ich meine Mum oft im Scherz aufgezogen und gesagt: „Schau, deine Vögel hängen vor lauter Kraft schon bald kopfunter am Ast!“ Sie pflegt das Futterangebot fast das ganze Jahr über großzügig vorzuhalten. Und nun lese ich, dies sei keineswegs verkehrt.

„Vögel füttern rund ums Jahr“ – So lautet der Titel des kleinen, handlichen Naturführers von Hans Egidius, erst kürzlich neu erschienen beim Ulmer Verlag. Es räumt auf mit den bekannten, verunsichernden Argumenten, Vögeln dürfe nur im Winter bei Frost zusätzliches Futter angeboten werden, da sie sonst verlernten, selbstständig nach Nahrung zu suchen und womöglich gar ihre Brut mit falschem Futter versorgten. Keineswegs sei dies der Fall, so die Überzeugung des Autors, denn viele Studien der letzten Jahre hätten keine einzige dieser Behauptungen bestätigt. Eher sei bei zusätzlichem Futterangebot auch eine Zunahme der Artenvielfalt in den jeweiligen Gärten und ihrer Umgebung zu beobachten gewesen. Denn der Rückgang der natürlichen Nahrungsgrundlagen für Vögel ist in der Tat ebenfalls keineswegs natürlich, sondern ein vom Menschen künstlich verursachtes Problem, so dass es nicht verkehrt sein kann, durch menschliche Hand zumindest etwas Ausgleich zu schaffen. Und: „Die Tiere haben im Gegensatz zu uns Menschen ein sehr gutes Gespür dafür, welches Futter ihren Küken am besten bekommt.“ Dies lässt sich wohl unterschreiben!

Füttern bedeute in diesem Fall allerdings nicht, sich auf das Streuen von Körnern und das Aufhängen von Meisenknödeln zu beschränken, sondern sich unter Umständen neu über einen vogelfreundlichen Garten Gedanken zu machen. Beispielsweise mit mehr Hinwendung zu heimischen Gehölzen, die von genügend Insekten aufgesucht werden, denn viele unserer fremdländischen Zierpflanzen erfüllen diesen Zweck oft nicht; sie sind sozusagen ökologisch tote Gehölze. Als Beispiele genannt sind Thuja, Forsythie und Kirschlorbeer. Beim Kirschlorbeer allerdings widerspricht meine Mum. „Zum Glück kann das unsere Amsel nicht lesen, – sie hält sich nämlich gerade jetzt den ganzen Tag darin auf. Wenn auch die Blüten für Insekten nicht interessant sein mögen, – aber sie mag die Beeren sehr gerne!“ Beeren tragende Sträucher, wie beispielsweise Weißdorn, Holunder, Berberitze, – selbst Eibe  oder auch das vom Rotkehlchen so geliebte Pfaffenhütchen, – denn Vögel vertragen auch manches für den Menschen Giftige -, sowie heimische Blumen und Gewächse, die für Sämereien sorgen, sofern man nicht zu früh mäht und daran herum stutzt, werden als beste Voraussetzung für ein weit in den Winter hinein reichendes Nahrungsangebot genannt. Ferner bieten gerade die belaubten Sträucher und Hecken, wie zum Beispiel im weiteren genannte Hainbuche, Rotbuche und Haselnuss, ausreichend geschützte Nistbedingungen, um Vögel im Garten dauerhaft anzusiedeln.

Zur Bedeutung hoher Bäume und begrünter Fassaden hingegen bedarf es uns kaum näherer Erläuterungen, sehen wir doch zahlreiche Singvögel, die sich in den hohen Fichten ums Haus sehr wohlfühlen. Hier ist der Grünfink zuhause, welcher gern von hoher Warte singt, sehr zeitig brütet, wenn das Laub noch nicht ausgetrieben hat, und somit für Nadelgehölze dankbar ist. Blaumeisen, die kleinen Akrobaten, turnen mit Vorliebe in den Zweigen, und Kohlmeisen nutzen sehr gern die dort aufgehängten Nistkästen. Im schattigen Efeu an der Nordseite des Hauses wohnen die Haussperlinge. Sie sind Lebenskünstler, ihre Nester sehen aus, als fielen sie jeden Moment herunter, – großer Irrtum übrigens! -; sie stehen selten vor neun Uhr morgens auf und pflegen abends vor dem Schlafengehen einen Höllenlärm zu veranstalten. Aber es sind muntere, gesellige Zeitgenossen und – obwohl typische Körnerfresser – sehr nützlich für die Schädlingsbekämpfung im Garten, – denn was viele, die sich abwertend über jene pfiffigen Kerlchen zu äußern wagen, gar nicht wissen: Sie füttern ihre Brut mit Insekten, unter anderem mit Blattläusen, wie meine Mum Stein und Bein schwört, – denn: „Seit wir so viele Spatzen haben, gedeihen meine Rosen bestens!“ Dies lässt sich nicht bestreiten.

Der wilde Wein an den übrigen Hauswänden bietet im Sommer Schutz durch sein Laub, im Herbst reichlich Beerenfrüchte und ist zur Blütezeit überdies eine wichtige Bienen- und Insektenweide. Darüber nistet der Hausrotschwanz in einer kleinen Aussparung im Dach. Er allerdings hat sich vor kurzem in den Winterurlaub verabschiedet, tritt seine Reise in den Süden jedoch stets recht spät an und kommt immer früher zurück. Es geht bereits die Kunde, dass immer mehr Vertreter dieser Art in unseren Gefilden sogar überwintern.

Lesern hingegen, die keinen eigenen Garten haben, – zu denen normalerweise auch ich gehöre, denn ich bin nicht immer hier -, bietet das Buch Anregungen zur vogelfreundlichen Begrünung von Balkon oder Terrasse, selbst auf kleinstem Raum. Für die Winterfütterung selbst liefert es wertvolle Tipps zur Gestaltung und Hygiene der Futterplätze, sowie Rezepte für Futtermischungen, die eine kostengünstige Alternative zum angebotenen Futter im Handel sein können. Auch Tränke und Vogelbad sind nicht vergessen. „Ein Vogelbad? Ich hab fünf rund ums Haus verteilt!“ Meine Mum ist stolz auf ihre Bäderlandschaft, – manchmal ziehen wir sie auf und sagen, es fehle nur noch die Sauna. Allerdings, weiß ich, nimmt sie sich auch die erforderliche Zeit, alle eingesetzten Ton- und Steingefäße sauber zu halten. Eine regelmäßige Reinigung muss hier stattfinden, um das Ausbreiten von Keimen und Krankheiten zu verhindern, zumal die Vögel nicht zwischen Wanne und Tränke unterscheiden.

Ein Kapitel ist den Nisthilfen gewidmet, von Bauanleitungen bis hin zu sachdienlichen Hinweisen zur Wahl des richtigen Standortes und zur Pflege der Vogelbehausungen. Zudem enthält es eine übersichtliche, detaillierte Auflistung darüber, welcher Vogel welche Nisthilfe bevorzugt, und wohin diese am besten zu platzieren ist. Wir freuen uns besonders darüber, dass auch Eulen und kleine Greifvögel in diesem Zusammenhang Erwähnung finden. Unter unserem Dach in einer Nische hauste vor einigen Jahren eine Schleiereule, die von meiner Mum „Max“ getauft wurde. Eines Tages blieb Max aus und wurde später auf einem in der Nähe gelegenen Bauernhof gesichtet, wo er offensichtlich seine „Maximiliane“ gefunden hatte. Dort gab es eine Scheune und somit mehr Platz zum Brüten und zur Aufzucht der Jungen. Genauso, heißt es hier, nehmen Eulen jedoch gern Nisthilfen in Gärten mit alten Baumbeständen an. Unser Garten ist hierfür doch noch etwas zu jung, aber wir haben das Glück, in nächster Nachbarschaft zu einer der letzten Streuobstwiesen zu wohnen. In diesem Sommer konnten wir oft geheimnisvolle nächtliche Laute vernehmen, die wir nach Zuhilfenahme einer Greifvogelstimmen-CD als Bettelrufe von flüggen, jungen Waldohreulen identifizieren konnten. Hörten wir sie einmal nicht, vermissten wir sie sofort. Tagsüber war über der Wiese häufig eine Turmfalkenfamilie zu hören und zu beobachten. Auch diese kleinen Greifvögel sind für Nisthilfen dankbar, sofern sich auf dem Grundstück die Möglichkeit bietet, diese hoch genug anzubringen. Selbst der Waldkauz lässt sich mit künstlichen Höhlen und Horsten unterstützen, wo es an natürlichen fehlt. Der Hinweis im Buch, dass er an der Futterstelle durchaus manchmal Singvögel erbeuten kommt, sollte nicht zu Missverständnissen führen und uns nicht zu sehr erschrecken, da er doch eher die Dämmerung zum Jagen bevorzugt, wenn die meisten unserer Futtergäste bereits schlafen gegangen sind, und sich dann wohl doch eher mit Mäusen begnügen muss. Vielmehr ist tagsüber schon eher einmal den Angriff eines Sperbers zu befürchten, aber auch hier beobachteten wir, dass die Singvogelgesellschaft über ein gut funktionierendes Warnsystem verfügt. Vorbehalte gegenüber Eulen und Käuzen jedoch sollten unbedingt der Vergangenheit angehören. Sie brauchen unseren Schutz und Beistand mehr denn je!

Ergänzend zu den Praxistipps gibt es am Ende des Buchs einen Serviceteil mit Bezugsquellen für Materialien. Dort befindet sich auch ein Register für die schnelle Suche.

Schließlich widmet sich ein großer Teil des handlichen Bandes der Vogelerkennung und -beobachtung und stellt die häufigsten Gartenvögel mit den wichtigsten Daten und Eigenarten in liebevollen Einzelportraits vor. Alle Fotoaufnahmen sind bestechend schön und einprägsam, so dass ein Wiedererkennen und Vergleichen der Arten auch vogelkundlichen Anfängern gut möglich sein dürfte. Alte Bekannte finden sich hier, wie der Buntspecht, der gern im Winter die Meisenknödel besucht und bei der Gelegenheit auch die Rinde der Gehölze nach verbliebenen Insekten abklopft. Der auf Sämereien spezialisierte Feldsperling, der sich bei uns immer einzufinden beginnt, sobald er draußen auf der Flur nichts mehr findet. Die streitbaren Grünlinge und die hübschen, flinken Erlenzeisige, die im späten Winter bereits mit ihrem fröhlichen Gesang beginnen. Distelfinken, Teilzieher, die mal hier, mal da meist in größeren Schwärmen landen, einen farbenfrohen Anblick bieten und gern Nahrung vom Boden nehmen. Ebenso die schönen Bergfinken, Wintergäste aus Skandinavien, die im letzten Frühjahr so lange blieben, dass wir sie noch in ihrem Prachtkleid bewundern konnten. Mein Freund, der Buchfink, ein winterlicher Junggeselle, manchmal auch vereinzelt in weiblicher Begleitung, obwohl die meisten der Weibchen, die mir immer schon durch ihr sehr souverän-selbstbewusstes Verhalten auffielen, in den Süden ziehen. Winterurlaub, – Auszeit ohne Partner! „Von denen könnten wir noch was lernen!“, seufzt meine Mum. Seltenere, umso mehr geschätzte Gäste sind Dompfaff und Kernbeißer, beide groß, mit auffälligem, bestechend schönem Gefieder. Nicht zu vergessen die begabten Stare mit ihrem großen Talent, Stimmen anderer Vögel täuschend echt imitieren. Wie oft hielten sie mich zum Narren mit Bussard- und Pirolrufen, aber auch mit Hühnergackern oder gar dem Schrei des Blässhuhns, – nur ihr Schwatzen, welches sie ja nie unterlassen können, verriet sie regelmäßig. Leider vermisse ich im Buch ein wenig die Mönchs- oder Sumpfmeise, die uns als einzelnes Pärchen regelmäßig Besuche abstattet. Dafür erfahre ich Interessantes über einen weiteren meiner Lieblinge, den pfiffigen Kleiber, der sich so gern kopfunter an Bäumen entlang hangelt , Haselnüsse liebt und sich stets so viele Sonnenblumenkerne auf einmal holt, wie irgend in seinen langen Schnabel passen, welche­­­­­­­­­ er gern als Vorräte in Rindenspalten versteckt. „Weißt Du, warum er bei uns nicht nistet?“, frage ich meine Mum. „Er braucht Kiefern. Die haben wir nicht in der Nähe. Er stattet seine Höhle mit Rindenschuppen von Kiefernästen aus. Und es muss zwingend Kiefer sein! – Warum? Er wird es uns nicht verraten. Jeder Vogel hat wohl so – seinen Vogel…“

Und meine Amsel? Sie liebt Rosinen und ist sehr zutraulich, hüpft uns geradezu zwischen den Füßen herum. Am Futterplatz wird sie als mitunter aggressiv gegenüber anderen Vogelarten beschrieben. Dies konnte ich bei unseren Amseln eigentlich nicht beobachten. Wohl behaupten sie sich durch ihre Größe und raufen sich schon einmal untereinander, aber die anderen Vögel arrangieren sich recht gut mit ihnen, zumal sie ja meist in der Überzahl sind und es im Garten mehrere Futterplätze gibt, wozu auch der Autor ausdrücklich rät. „Da drin schreiben sie auch, dass man Sonnenblumen ziehen und die Samenstände stehen lassen soll“, sagt meine Mum, „- würde ich ja gerne! Aber die kennen meine Amseln nicht! Ich krieg bei denen ja keine Sonnenblume groß! Kaum will ich Kerne in die Erde stecken, sitzen sie schon in Reih und Glied auf dem Zaun und verfolgen jede meiner Bewegungen. Da sagt dann schon eine zu der anderen: Schau mal, das macht die extra für uns! – Und kaum drehe ich mich um, graben sie alles wieder auf! Aber dieses Jahr hab ich sie ausgetrickst und Sonnenblumen im Topf gezogen, die ich später hinausgesetzt habe.“

Zu meiner Amsel und ihrem leisen Gesang stieß ich kürzlich auf ein Gedicht von Rose Ausländer:

Herbst

Auch im Herbst
singen die Vögel
dies auserwählte Volk

Wir Maskenträger
haben verlernt
zu lauschen
dem Amselgespräch
und der innern Musik

Herbst
der freundliche Feind

Leg deinen Raum
in den Rahmen
der Zeit

Der Gesang der Amsel, und der vieler anderen gefiederten Freunde ist ein Geschenk, – ich weiß es. Das vorliegende Buch vermittelt es auf anschauliche Weise: Die Vögel danken uns unser Bemühen, und sie geben sehr viel zurück. Überhaupt, – das Buch? Wo ist es eigentlich? – Ach so, – meine Mum war ja eben erst zu einem Kaffee hier! Jetzt weiß ich auch, was die Frage bedeutete, ob ich denn nun endlich bald mit dieser Rezension fertig wäre…

Bettina Johl

Hans Egidius: Vögel füttern rund ums Jahr – Ulmer Naturführer
Ulmer Verlag, ISBN 978-3-8001-7587-1, € (D) 9,90, € (A) 10,20 €

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