Natur sucht Garten – „Mehr Pflanzenvielfalt in Deutschlands Gärten“

Der Igel auf der Titelseite fällt ins Auge. Er ist mir vertraut. Erst neulich lief mir einer seiner Kollegen nachts vor die Füße. Und er hatte es nicht einmal eilig. Es war im Garten meiner Mum. Dieser ist seit jeher bevölkert von Igeln, Eidechsen, Singvögeln und sonstigem Getier aller Art. Wenn ich jedoch seine Blumenpracht fotografiere, – die übrigens viele bewundern -, wehrt meine Mum stets ab:
Da gibt’s doch nicht viel zu sehen, – ist doch alles unaufgeräumt und verwildert, – das kannst du doch so keinem zeigen!

Vermutlich haben wir genau hier den wunden Punkt, den das Buch „Natur sucht Garten“ uns schmerzhaft aufzeigt. Schon der Titel macht es deutlich: Nicht wir suchen natürlicherweise die Natur auf, von der wir doch leben, die wir brauchen, von der wir lernen könnten, sondern die Natur muss an unsere Gartenpforte klopfen, ob sie wenigstens mal ab und zu ´reinschauen darf! Und überall dort, wo sie das darf, wo sie gern gesehener Gast ist, fühlen sich die GartenbesitzerInnen zumindest pro forma anderen gegenüber verpflichtet, sich für Wildwuchs und scheinbar unaufgeräumtes Aussehen entschuldigen zu müssen. Eigentlich traurig!

Das Buch „Natur sucht Garten“ ist anders unterwegs. Der Untertitel lautet: 35 Ideen für nachhaltiges Gärtnern, – und diese verführen – untermauert mit vielen schönen Fotoaufnahmen – zum Ausprobieren. Nach einem übersichtlichen Baustein-System in zehn Kapiteln wird zunächst viel Grundlegendes in Erinnerung gerufen, die Bedeutung von Boden – inklusive Möglichkeiten der natürlichen Düngung – und Wasser in seinem natürlichen Kreislauf erläutert, Materialien für natürliche Gartengestaltung vorgestellt, – ansprechende Tipps für Zäune und Beet-Einfassungen aus Weide! -, es wird beispielsweise erläutert, welche der heimischen Gehölzarten witterungsbeständig sind, so dass bei ihrer Verwendung auf das Anstreichen mit giftigen Imprägniermitteln verzichtet werden kann, wofür im Übrigen Leinöl eine Alternative bietet. Es folgt eine ausführliche Erläuterung darüber, wie Nützlinge im Garten durch artenreiche Bepflanzung gefördert und unterstützt werden können, um Schädlinge nicht mit Gift bekämpfen zu müssen, welches – wie wir zur Genüge wissen – zumeist auch den Nützlingen den Garaus macht, das ökologische Gleichgewicht dauerhaft schädigt und damit letztlich dem Menschen schadet. Da es bereits im Vorfeld auf die Auswahl robuster, schädlingsresistenter Sorten ankommt, sei es bei Gemüse, Obst, Blumen, Sträuchern oder Bäumen, finden sich in allen Kapiteln immer wieder Auflistungen mit Empfehlungen solcher, – auch zum Neuentdecken alter Sorten, ebenso wie Tipps zur Gestaltung von Mischkulturen, in denen sich Pflanzen in ihren wechselseitigen Eigenschaften gegenseitig stützen, schützen und ergänzen können. Anregungen zum Anlegen einer Kräuterspirale oder zum Bau eines „Insektenhotels“ fehlen ebenso wenig wie Tipps für Hausbegrünung, zum Bau eines Gartenhauses – oder auch für die Gestaltung des kleinsten Balkons. Ob viel oder wenig Platz zur Verfügung steht, – für jeden ist etwas dabei.

Einen wichtigen Aspekt bilden die Anregungen für einen Garten, der den Bedürfnissen der Kinder wieder Rechnung tragen kann. Denn wie armselig ist deren Lebensumfeld geworden ohne Flächen zum Toben, Verstecke zum Hineinkriechen, Bäume zum Klettern und ohne die vielfältigen Begegnungen mit Lebewesen in der Natur. Für eine Rückbesinnung ist es hier ohnehin spät genug! So wie dieses Buch insgesamt unserer Erinnerung auf die Sprünge hilft, uns ins Gedächtnis ruft, was wir längst wissen sollten: Dass die Natur wunderbar funktioniert, wenn wir sie lassen und ihr Raum geben. Mit Ungepflegtheit und Vergammeln-lassen hat dies nichts zu tun. Und dort, wo mehr Lassen als Tun angesagt ist, wo manche schädliche Aktion unterbleibt, lässt sich neben allem Spaß an der Gartenarbeit auch die vielbeklagte fehlende Zeit wiederfinden für das Wichtigste: Sich auch einmal hinsetzen können – mit einem Buch unter den Baum oder neben das Kräuterbeet beispielsweise – und den Garten einfach genießen!

Die AutorInnen – eine Gartenbau-Ingenieurin, eine Diplom-Biologin und ein Agrar-Ingenieur – sind Fachleute mit langer Praxiserfahrung, die ihr fundiertes Wissen zur Verfügung stellen, ohne sich in Fachchinesisch zu verstricken. Ein Register und ein Verzeichnis mit weiterführenden hilfreichen Linkadressen zur Vertiefung finden sich auf den letzten Buchseiten. Mit seiner insgesamt sehr ansprechenden Aufmachung ist dieses Buch außerdem ein echter “Hingucker“ in der Gartenbibliothek und darf dort ab jetzt einfach nicht mehr fehlen!

Weitere Referenzen? Meine Mum! Diese Buchbesprechung erscheint nicht ganz ohne Grund erst jetzt. Das Buch war kurz nach seinem Eintreffen unauffindbar, – denn meine Mum hatte es – wie befürchtet – sofort entwendet, und es hat bereits seinen Stammplatz auf ihrem Nachttisch…

Bettina Johl

Boomgaarden/Oftring/Ollig: Natur sucht Garten, 35 Ideen für nachhaltiges Gärtnern, Ulmer Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-8001-7499-7

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Ein Kommentar zu “Natur sucht Garten – „Mehr Pflanzenvielfalt in Deutschlands Gärten“

  1. Herzlichen Dank für die lesenswerte Rezension!

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